Zigeunerschnitzel, Paprika-Schnitzel...Welche Bezeichnung erlaubt der reflektierte Sprachgebrauch denn nun?
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Zigeunerschnitzel, Paprika-Schnitzel...Welche Bezeichnung erlaubt der reflektierte Sprachgebrauch denn nun?

Auslese Diskriminierung Sprache

Wie gerecht ist Sprache?

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Der Namensstreit zum Zigeunerschnitzel hat inzwischen allerlei Sprachforscher auf den Plan gerufen. Beim Streit um Sprachfeinheiten geht es auch um Grundsätzliches: Ist eine gerechtere Sprache die Grundlage für eine gerechtere Welt?

Die Zigeunersauce heißt weiterhin Zigeunersauce, so haben es die Hersteller von Würzpasten für sich beschlossen und sich so gegen eine Initiative von Sinti und Roma behauptet, die sich für das sofortige Verschwinden der diskriminierenden Bezeichnung einsetzen.

Der Namensstreit hat inzwischen allerlei Sprachforscher auf den Plan gerufen. Die „taz“ hat Folgendes zum sogenannten Zigeunerschnitzel herausgefunden: „Kochbücher des 19. Jahrhunderts kennen es, auf entsprechendem Gemüsesud angerichtet, als Paprika-Schnitzel. Der französische Küchenreformer Auguste Escoffier schrieb diese Zubereitungsart 1903 aus einer Laune heraus mit der latinisierenden Neubildung zingara den ziganen Völkern zu. Aus Sauce und Côte de veau zingara werden im Deutschen dann um 1950 die plumpen Nomen-Nomen-Komposita ‚Zigeunersauce‘ und ‚Zigeunerschnitzel‘. Dieses führt der Duden ab 1972 auf.“

Aber mit der Be- oder Entlastung des Zigeunerschnitzels ist es nicht getan. Arno Frank befasst sich, auch in der „taz“, mit der Frage, ob Sprachbereinigungen überhaupt Erfolg haben können. „Dabei müsste über eine Prämisse gesprochen werden, die davon ausgeht, eine ‚gerechtere Sprache‘ sei die Grundlage einer gerechteren Welt. Es könnte nämlich sein, dass das nicht stimmt.

"Bestürzende Naivität"

Es könnte sein, dass die forcierte Dekonstruktion von ‚Konstrukten‘ auch Unterschiede einebnet, die kostbar sind. In der Moderne ist noch jedes ideologische Projekt bei dem Versuch gescheitert, einen Homo novus zu schaffen. Und nun sollen wir das hohe Ziel durch ein paar läppische Manipulationen im Maschinenraum der Sprache plötzlich selbst herbeipalavern können?“

Arno Frank ist überaus skeptisch. „Wer glaubt, durch die beflissene Behandlung symptomatischer Sprache ließe sich die Krankheit des Rassismus beheben, erliegt infantiler Sprachmagie. Was ich nicht nenne, ist auch nicht da. Es ist diese bestürzende Naivität, mit der gerade die furiosesten Verfechter einer ungeheuer wichtigen Sache unser Anliegen torpedieren, ganz bequem aus dem elitär-akademischen Elfenbeinturm heraus – und wirksamer, als ihre echten Gegner, auch die mit den Baseballschlägern, das jemals könnten. Sprache ist intuitiv und immun gegen technokratische Versuche, ihr gut gemeinte, aber kontraintuitive Kunstbegriffe zu implementieren.“

Dabei haben auch Sinti- und Roma-Vertreter betont, dass es ihnen nicht um die Durchsetzung von Verboten gehe. So auch Zentralratsvize Silvio Peritore auf Spiegel online: „Wir sind keine Wortpolizei und wollen auch keine dogmatische Sprachregelung. Ich betrachte das Thema relativ gelassen: Das ‚Forum für Sinti und Roma‘ hat ja ein Recht darauf, empört zu sein und seine Meinung zu äußern. Uns geht es aber um etwas anderes – nämlich um einen kritischen und reflektierten Sprachgebrauch. Gerade die Medien haben da eine besondere Verantwortung.“

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