Klinikpersonal geht leer aus

Die gepflegte Heuchelei mit dem Corona-Bonus

  • Steven Geyer
    vonSteven Geyer
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Mehr Solidarität mit schlecht bezahlten Pflegekräften: Das war die Botschaft und die Hoffnung der ersten Corona-Phase. Was daraus wurde, ist einfach ärmlich. Der Leitartikel.

Es war die schlechteste Zeit, es war die beste Zeit: Gut drei Monate ist es nur her, dass uns zwar große Sorgen über die explodierende Zahl der Corona-Infektionen in Deutschland plagten, dass Krankenhäuser die Zahl ihrer Beatmungsbetten ausbauen mussten und das Klinikpersonal teils bis zur Erschöpfung, teils ohne Schutzmasken und oft im direkten Nahkampf mit dem Virus arbeitete. Doch zugleich träumten wir diesen kurzen Traum, dass die gemeinsame Sorge die ganze Gesellschaft verändern würde, dass die Prioritäten neu geordnet würden, weg vom Materiellen, hin zu mehr Solidarität.

Als eines der ersten Indizien dafür las mancher das Phänomen, dass die Deutschen allgemein und die Politiker im Speziellen sich plötzlich für Pflegekräfte interessierten. Altenpfleger und Krankenschwestern, die vor unser aller Augen für ein schmales Gehalt die eigene Gesundheit riskierten, galten als die neuen deutschen Helden. Sie bekamen Applaus von den Großstadtbalkonen und im Bundestagsplenum, und damit es nicht beim Klatschen bleibe, legte die Regierungskoalition noch einen Corona-Bonus obendrauf. Es waren rührende Gesten in bewegten Zeiten.

Inzwischen steht der Sommerurlaub vor der Tür, Corona wird vielerorts wie ein abgeschüttelter Alptraum behandelt – und obwohl jeder sechste Infektionsfall in Deutschland stationär behandelt werden musste und sich schon 14 000 Beschäftigte im Gesundheitswesen selbst infiziert haben, fühlen sich viele Pflegekräfte längst nicht mehr gerührt, sondern eher geschüttelt – sei es vor Wut auf gebrochene Versprechen oder durch das Gefühl, dass große Teile der gesellschaftlichen Anerkennung offenbar geheuchelt waren.

Schnell wandten sich die Scheinwerfer der öffentlichen Anteilnahme wieder von den Pflegenden ab – schließlich gab es noch Gesichtsmasken, über die man streiten musste, und Sommerurlaube, die umgeplant werden wollten. Das wiederum nutzte die Koalition, um den versprochenen Corona-Bonus um ein paar Nummern zu verkleinern: Das Gesetz sieht ihn nun ausschließlich für die Beschäftigten in der Altenpflege vor.

Wer bisher noch nicht aus dem viral bedingten Traum von einer besseren Gesellschaft aufgewacht ist, dem dürfte die Debatte über eben diesen Pflegebonus dabei behilflich sein. Denn so gut die Deutschen es hinbekommen haben, die Infektionskurve abzuflachen, so sehr verfallen sie seitdem in ihre alten Muster: Erstens, beim Geld hört die Freundschaft auf. Zweitens, dafür bin ich gar nicht zuständig. Drittens, das haben wir schon immer so gemacht, das lässt sich gar nicht ändern.

So begründet die Bundesregierung die Beschränkung des Corona-Bonus damit, dass die Löhne in der Altenpflege deutlich schlechter sind als in den Krankenhäusern. Eine zweifelhafte Ehre für die tapferen Altenpfleger: Aufs schmale Gehalt kommt so der Aufschlag, als Feigenblatt der Bundespolitiker dienen zu müssen, deren schlechtes Gewissen gegenüber den meisten Niedriglöhnern immer noch kleiner ist als ihr Geiz.

Nun ist es ja richtig, dass der Bund für das Klinikpersonal nicht allein zuständig ist: Vielerorts haben sich, nach allem, was man hört, auch Ländervertreter und Krankenkassen sowie die Betreiber von Krankenhäusern und Klinikketten nicht besser verhalten. Statt großzügig zusammenzulegen, wurde die Zuständigkeit hin- und hergeschoben wie ein infizierter Mundschutz.

Es gibt vorbildliche Ausnahmen: Einige Länder wie Bayern und Berlin stockten den Bundesbonus für die Klinikpflegenden auf. Es gab sogar einige Krankenhausbetreiber, die ihre Corona-Prämie freiwillig neben den Krankenschwestern und -pflegern auch den nicht-medizinischen Angestellten zahlten – im Krankenhaus ist das Putzpersonal ebenfalls systemrelevant.

Das allein zeigt schon einen besseren Weg: Alle Beteiligten – Bund, Länder, Kassen und Tarifparteien – müssen sich dringend zusammensetzen und über eine bessere Bezahlung für Pflegende sprechen. Natürlich in Altenheimen, mobilen Pflegediensten UND Krankenhäusern. Das Ziel muss eine gemeinsame Lösung sein, die den hohen Ansprüchen an eine Corona-Solidarität gerecht wird – und die auf jeden Fall weit über einen Einmalbonus hinausgehen muss.

Die lange verschleppte Reform von Gesundheits- und Pflegesystem muss endlich angegangen werden – und Begriffe wie Kostendruck, Profitstreben und Zwei-Klassen-Medizin müssen bei der Gelegenheit gleich ihrer Grundlage enthoben werden.

Das klingt zunächst vielleicht wie ein naiver Traum aus der ersten Corona-Welle. Ist in Wirklichkeit aber die Antwort auf die Frage, die Familienministerin Franziska Giffey zufällig auch an diesem Dienstag stellte, als sie die Ergebnisse einer neuen Umfrage präsentierte: Wenn sich ein Viertel der Jugendlichen einen Beruf in Pflege oder Sozialwesen vorstellen können – warum ergreifen ihn dann nur so wenige? Warum wächst der Fachkräftemangel in der Branche ungebremst? Es ist ganz einfach: Für andere Jobs gibt es vielleicht weniger Applaus, aber mehr Geld.

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