Nach dem Tod von George Floyd

Die Alltäglichkeit des Rassismus

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Warum demonstrieren Zigtausende gegen Rassismus? Hat ein einzelner Fall das ausgelöst? Die Kolumne. 

Eigentlich ist das ja unerklärlich. Oder warum passiert das erst jetzt? Klar, ein Schwarzer wurde von der Polizei getötet, und das ist durch ein Video beweisbar. Aber das geschieht doch viel zu oft. Seit Jahrzehnten, überall, nicht nur in den USA.

Tod von George Floyd: Anti-Rassismus-Demonstrationen weltweit

Doch warum gehen nun in vielen Teilen der Welt Zigtausende auf die Straßen und demonstrieren gegen den alltäglichen Rassismus? Was war der Auslöser? War es Trump? Wenn ja, dann sei ihm erstmals zu danken, denn dann er hat vielen die Augen geöffnet für ein Unrecht, das Tag für Tag geschieht. Auch in Deutschland. Und die Täter sind nicht nur Polizisten.

Meine Urgroßmutter hatte einen Laden in Pirmasens. Sie führte Kaffee, Tee, Schokolade, Steinöl und Südfrüchte. „Kolonialwaren“, wie man damals sagte, denn es waren Produkte aus den deutschen Kolonien in Schwarzafrika. Nach dem Ersten Weltkrieg marschierte ein Bataillon französischer Soldaten durch die Stadt, allesamt schwarz, rekrutiert aus den französischen Kolonien in Schwarzafrika.

Misstrauen gegenüber Schwarzen

Meine Oma, damals 17 Jahre alt, stand in der Ladentür und beobachtete sie. Einer lächelte sie an. „Ich habe mich gefürchtet“, erzählte Oma ihr Leben lang von ihrer ersten Begegnung mit einem „Neger“, wie man Schwarze noch bis vor wenigen Jahren nannte.

Alles lange her? Der Kolonialismus war einmal, ebenso das Misstrauen gegenüber Andersfarbigen? Machen Sie doch mal den Versuch. Fahren Sie (sofern Sie weiß sind) mit einem dunkelhäutigen Menschen einen Tag lang mit Bussen und Bahnen kreuz und quer durch eine beliebige deutsche Stadt. Wollen wir wetten, wer öfter kontrolliert wird? Ich setze tausend Euro auf schwarz. Das istRassismus. Wenn auch versteckt. Aber Kolonialismus?

Was hat Globalisierung mit Rassismus zu tun?

„Wir werden auch weiterhin Wachstum im Luftverkehr erleben. Das ist überhaupt nicht zu verhindern im Zuge der Globalisierung und der Erhaltung unseres Wohlstands in Mitteleuropa“, meinte gestern der Sprecher eines deutschen Flughafens zum ZDF. Dem Mann ist kein Vorwurf zu machen. Es ist sein Job, so zu reden. Dazu gehört auch, nicht zu wissen, was er da gesagt hat. Auch nicht, darüber nachzudenken.

Aber was ist es, wenn sich Tausende weiße, reiche Menschen von schwarzen Hungerlöhnern Champagner und Hummer reichen lassen und dabei auf großen, weißen Schiffen giftiges Schweröl verfeuernd in die Häfen armer Länder einlaufen, um sich dort von Einheimischen rituelle Tänze vorführen zu lassen und dann weiterzufahren ins nächste Elend?

Kauf einer Banane - Akt des Rassismus

Ach, Sie machen keine Kreuzfahrten, jetzt sowieso nicht mehr. Fein. Aber dann fragen Sie sich doch mal, wer unter welchen Umständen Ihre Klamotten herstellt? Wer Ihre Smartphones zusammenschraubt? Wer Ihren Sondermüll sortiert? Wer Ihre exotischen Früchte erntet, die Sie für Centbeträge beim Discounter nachgeworfen kriegen?

Der Kauf jeder Banane ohne „Fair-Trade“-Siegel ist ein Akt des Rassismus, den wir durch den „Globalisierung“ genannten, modernen Kolonialismus praktischerweise gleich bei den Betroffenen daheim begehen. Und falls das nicht reicht: Wo werden denn die Medikamente gegen die Auswirkungen unserer alltäglichen Völlerei hergestellt, gegen Bluthochdruck und Diabetes? Dort wo Menschen anderer Hautfarbe in riesigen Slums an Hunger und vergiftetem Wasser sterben, in Indien und Pakistan.

Dass das Thema noch immer aktuell ist, zeigt ein neuer Rassismus-Vorwurf gegen Rossmann.

Auch ein Bild im Städel ist Teil einer Rassismus-Diskussion. Die Verantwortlichen verteidigen den Künstler.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa

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