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Mobbing und Gewalt an Schulen muss stärker thematisiert werden (gestelltes Symbolbild).

Mobbing

Eine Kultur des Wegsehens

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Das Thema Mobbing an Schulen muss auf den Tisch. Bislang sind Schulen und Lehrer machtlos. Der Kommentar.

Entsetzen, Wut, Hilflosigkeit. Es gibt viele Möglichkeiten, auf den Tod einer Grundschülerin in Berlin zu reagieren. Bei einer Mahnwache an diesem Wochenende waren sie alle zu sehen. Auch Bürgermeister Michael Müller meldete sich zu Wort, forderte Aufklärung. Die ist zweifellos nötig, viele Fragen sind offen. Ein Verdacht aber erhärtet sich immer mehr: Die Elfjährige hat sich selbst getötet – nach allem, was man weiß, weil es das Mobbing an seiner Schule nicht mehr ertrug.

Der Fall schockiert, auch weil es um eine Grundschule geht, weil das Mädchen noch so jung war. Ein Kind, das sich das Leben nimmt? So etwas war bislang außerhalb unserer Vorstellungskraft. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, das viel zu selten thematisiert wird. Mobbing? Bildungspolitiker reden lieber über Digitalisierung in den Schulen, über schnelles Internet und Laptops. Viel zu kurz kommen indes die großen Ängste der Allerkleinsten. Mobbing kann die Psyche eines Kindes völlig durcheinanderbringen, besonders wenn es schon in der Grundschule beginnt. Doch gerade in den ersten Klassen werden verdächtige Vorfälle allzu oft achselzuckend heruntergespielt mit Sätzen wie „Kinder können grausam sein“.

Beschwichtigungen dieser Art sind riskant. Wer Mobbingprobleme kleinredet oder totschweigt, lässt sie nicht verschwinden, sondern macht sie größer. Die Verantwortlichen der Berliner Grundschule müssen die Frage beantworten, warum sie auf Warnungen und Mahnungen nicht reagiert haben. Und es steht zu befürchten, dass es an anderen Bildungseinrichtungen nicht besser aussieht. Aus Sorge um ihren Ruf haben Schulen meist kein Interesse daran, Mobbingprobleme breit zu diskutieren.

Dabei wäre ein offener, geradliniger Umgang mit dem Problem ein erster wichtiger und unerlässlicher Schritt. Hinzu kommt: Nur wenn Schulen ihrerseits auf die Politik Druck machen, wird sich auch die Bildungspolitik bewegen und die notwendigen Mittel für Gesprächsangebote, Sozialarbeiter oder kleinere Klassen bereitstellen.

Schulen und Lehrer allein, auch das gehört zur Wahrheit, sind weitgehend machtlos. In zu großen Klassen haben Lehrer kaum eine Chance mitzubekommen, was die Schüler während des Unterrichts untereinander treiben – von den Pausen oder den Nachmittagen ganz zu schweigen. Deshalb sind auch die Eltern in der Pflicht. Auch sie müssen wachsamer und sensibler werden als bisher. Nichts wird besser durch eine Kultur des Wegsehens.

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