+
Gentrifizierung sorgt natürlich für Proteste

Gentrifizierung

Die Revolution frisst mal wieder ihre Kinder

  • schließen

Die Aufwertung eines Wohnviertels ist ein schleichender Prozess, eine der vielen Auswirkungen der Eigendynamik des Kapitalismus.

Eigentlich war das ja vorauszusehen. Dennoch stutze ich, als ich unlängst las, etliche Viertel in großen Städten seien bereits „ausgentrifiziert“. Ausgentrifiziert. Was heißt das? Und was bedeutet das für die Zukunft?

Ein kluger Mensch von der „taz“ schrieb einmal: „Wer weiß, was Gentrifizierung bedeutet, der ist mit daran schuld.“ Klar. Die Oma, die nach vierzig Jahren aus ihrer Wohnung geworfen wird, kennt den Begriff nicht. Das junge wohlhabende Ehepaar, das nach Luxussanierung dort einzieht, hingegen sehr wohl. Dennoch: Gentrifizierung betreibt niemand mit Absicht. Es ist ein schleichender Prozess, eine der vielen unaufhaltsamen Auswirkungen der Eigendynamik des Kapitalismus.

Nicht mal Immobilienmaklern kommt sie gelegen, denn ist ein Kiez oder Stadtteil ausgentrifiziert, können sie nicht mehr damit prahlen, er sei charmant, liebenswert und intakt und verfüge über eine exzellente Infrastruktur mit kleinen Läden, netten Cafés und gemütlichen Kneipen. Die Revolution frisst also mal wieder ihre Kinder, in diesem Falle die Gentrifizierung ihre Profiteure.

Wie man weiß, fing es ja harmlos an. Arme Studentinnen und Studenten bezogen ärmliche Wohnungen in ärmlichen Gegenden, denn die Mieten waren niedrig. Diese Pioniere der Gentrifizierung zogen dann Künstler an und anderes buntes Volk, eröffneten Cafés, Kneipen und Läden.

Häuser wurden reihenweise entmietet und werden es noch heute

Diese kuschelige Atmosphäre zog wiederum Menschen mit dicken Konten an, die – mangels eigenen Esprits – am Savoir Vivre des Lebens der anderen partizipieren wollten. Die ersten Eigentumswohnungen entstanden, marodierende Makler fielen ein wie Sonnenstudioverkäufer in die sterbende DDR.

Häuser wurden reihenweise entmietet und werden es noch heute. Nach und nach verschwanden die Ureinwohner, gefolgt von den ersten Studenten und Künstlern, gefolgt von deren Kneipen, Cafés und Läden, gefolgt von dem einst so hochgeschätzten Flair.

Ist dieser Prozess beendet, heißt es dann, das Viertel sei ausgentrifiziert. Es gilt als ausgelutscht, dort ist nichts mehr zu holen. Das alles ist ja nicht wirklich neu. Aber?

„Erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann“, lautete ein Slogan der achtziger Jahre, der damals dem Weisheitsschatz nordamerikanischer Indianer zugeschrieben wurde. Er bezog sich auf die Umwelt, und er zeugt von großer Weitsicht.

Das Einzige, was beständig bleiben wird, sind überhöhte Mieten

Es kam sogar noch schlimmer, als man damals dachte. Aber wie geht es weiter mit unseren großen Städten? Man erlebt ja täglich, wie das System der Freien Welt in die Knie geht, wenn ihm etwas fehlt, das jahrzehntelang bestens funktionierte, das Breitbandaphrodisiakum „Wachstum“. Wie sehen dann die jetzigen Hype-Viertel aus?

Die Makler werden weg sein. Die handeln dann wieder mit vom Lkw gefallenen Handys. Die neuen Bewohner werden sich langweilen, denn sie fristen ein karges Dasein unter ihresgleichen und merken nicht mal, dass sie ein falsches Leben im falschen führen.

Die Vermieter hingegen leben allesamt nicht hier, viele waren sogar noch nie hier, denn sie haben nur investiert und streichen regelmäßige Profite ein. Nicht mal die Menschen, die hier arbeiten, wohnen hier. Denn das Einzige, was beständig bleiben wird, sind überhöhte Mieten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare