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Der Namensgeber des Genscherns: Hans-Dietrich Genscher (Archivbild von 2012).

Kolumne

Genschern und hoovern

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Wer genschert, muss noch lange nicht hoovern, vom Röntgen ganz zu schweigen. Und was man noch so aus Namen machen könnte.

Wie so oft sind Sie, meine Damen und Herren, im Vorteil. Während Sie schon wissen, wie die Wahl ausgegangen ist, trete ich noch auf der Stelle und befinde mich im Zustand der Unschuld, gefangen in einer unbeweglichen Zeitkapsel.

Starr blicke ich von einer Umfrage zur anderen. Jede scheint mir auf ihre Weise das vorläufige Ende der großen Volksparteien zu verkünden. Links und rechts ist jede Menge Platz für Überholmanöver. Was Oskar Lafontaine für die SPD war, ist Gauland für die CDU: der Rächer vom Rand. Sofort wird es unübersichtlich.

In der DDR gab es eigentlich nur eine Partei, in der alten Bundesrepublik ehrlich gesagt auch nur drei: CDU, SPD und FDP. Nach der Wahl war es nur interessant, mit wem die FDP diesmal koalieren würde.

Wenn es zum Wechsel kam, hieß das Wort der Stunde „genschern“. Es ist ein Verb, das auf den verstorbenen Außenminister und FDP-Politiker H. D. Genscher („Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen …“) zurückgeht, der mitten in der Legislaturperiode 1982 den Koalitionspartner wechselte, obwohl er vor der Wahl etwas anderes versprochen hatte: Von Rot ging er zu Schwarz, von Schmidt zu Kohl.

Das Wort „genschern“ hielt danach kurz Einzug in den deutschen Wortschatz als eine Umschreibung für besonders perfide Untreue, hat es aber nie in den Duden geschafft. Überlebt hat es nur als Sonderregel im Doppelkopfspiel, wird aber nicht sonderlich geschätzt.

Bei den Germanisten haben es Verben wie genschern, die aus Hauptwörtern abgeleitet werden, sowieso schwer, was historisch gesehen daran liegen mag, dass der Wortbildungsweg meistens umgekehrt verlaufen ist: aus laufen wurde der Lauf und aus wählen die Wahl.

Der seltene Weg vom Hauptwort zum Verb wird in der Regel auch nur von Journalisten beschritten, die als topkreative Worterfinder glänzen wollen (Schulz schrödert) oder einen Hang zum Schmähgedicht haben (Gauland goebbelt). Auch ich sollte besser die Finger davon lassen, was allerdings schade ist um Juwelen wie wagenknechtisch (links blinken, rechts überholen) oder palmerisiseren (Grün ist das neue Schwarz).

Von ihrem Nachnamen zu einem Verb haben es bisher nur Männer geschafft, die mit Erfindungen glänzen konnten. Im amerikanischen Englisch zum Beispiel heißt staubsaugen „to hoover“, was auf W. H. Hoover zurückgeht. Der Mann hat den Staubsauger zwar nicht ersonnen, ihn aber seinem Erfinder abgekauft, einem Mann namens J. M. Spangler, der das Gerät aus einem Ventilator, einer Seifenschachtel, einem Kissenbezug und einem Besenstiel zusammenschraubte. Spangler ist vergessen, Hoover wurde steinreich.

Deutschland dagegen kann mit W. C. Röntgen aufwarten, der den gleichnamigen Apparat erfunden hat und mit ihm das Röntgen als segensreiche Tätigkeit. Kurz: Nur wer eine Maschine in den Umlauf bringt, geht auch in den Duden ein.

Unendlich schade ist aber, dass der Vater aller Smartphones, der verstorbene Apple-Boss Steve Jobs, um diese Ehre gebracht wurde. Bis heute heißt es mal „ich telefoniere“, mal „ich surfe“, mal „ich schreibe Nachrichten“, mal „ich spiele“ oder „ich schaue mir einen Film an“, wo doch alles auf dem gleichen Gerät passiert.

Viel effektiver wäre ein kurzes und knappes „ich jobbe“. Es beschreibt die Tätigkeit korrekt, ist herrlich knapp und spart dadurch viel Zeit, die wiederum mit einem Doppelkopfspiel zugebracht werden kann. Da hilft das Genschern noch.

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