Kolumne

Was genau heißt „verkaufen“?

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Zwei Smartphones, drei Computer und noch mehr Datenrichtlinien bestimmen meinen Alltag. Und die Frage: Wie und wo kann ich sportlich sein? Die Kolumne.

Die täglich zehn Fahrradkilometer ins Büro und zurück fehlen mir ja schon. Auch das mit dem Yoga will alleine nicht so gut klappen. Meine Yogalehrerin hat zwar sofort reagiert und eine herzliche Einladung für eine Videostunde über den Internet-Dienstleister Zoom geschickt, aber da das Yogastudio nur vier Häuser von mir entfernt ist, kann ich mich nicht entschließen, den Umweg über die Cloud zu nehmen.

Außerdem war ich die letzten beiden Male ohnehin die einzige Teilnehmerin des Kurses, der montags um 8 Uhr stattfindet. Aber da macht die Vorschrift keinen Unterschied. Ob zweimal elf Jungs in einer kleinen Turnhalle oder zwei Damen in der Stretch Pose auf 60 Quadratmetern – Sportstätte ist Sportstätte.

Schon büße ich meinen Mangel an geistiger Flexibilität mit dem Nachlassen der körperlichen Flexibilität. Aber wenigstens habe ich nicht bei Zoom eingecheckt, als die noch alle Daten an Facebook weitergeleitet haben, egal ob der Betreffende dort ein Konto hatte oder nicht.

Angeblich lassen sie das jetzt, aber wer gibt einem die behandschuhte Hand darauf? Die Lektüre der 30 000 Zeichen umfassenden „Datenschutzrichtlinie“ jedenfalls kann einem schon den Abend retten, wenn keine andere Unterhaltungsmaßnahme zur Hand ist.

Denn vor allem schützt sich die Firma mit diesem Epos wohl selbst und zwar vor dem Vorwurf, irgendeinen Aspekt der vorgenommenen Datensammlung unerwähnt gelassen zu haben – und empfiehlt übrigens, die Richtlinien vor jedem Einchecken ruhig erneut zu lesen, weil sich diese „aus Gründen, wie z. B. Unternehmenspraktiken“ ändern können. Meine Lieblingsstelle ist im Frage-und-Antwort-Teil und lautet: „Verkauft Zoom personenbezogene Daten? Das hängt von Ihrer Definition von ,verkaufen‘ ab.“

Ich weiß, man kann zurzeit wirklich andere Sorgen haben. Aber die habe ich eben auch. Obwohl auf meinem Schreibtisch gerade drei Computer und zwei Smartphones liegen, ich auf mehreren Kanälen mit der Welt kommuniziere und dankbar bin, dass es virtuelle Räume gibt, in denen man sich treffen kann, bestehe ich darauf, dass dies bloß Nothaltebuchten sind und finde es sittenwidrig, sie zu bewirtschaften.

Zurück zum Sport. Wie bringt man sich als Spaßbremse trotzdem in Bewegung? Mit Joggen natürlich. Wobei ich keine Frühaufsteherin bin und es mich etwas belastet, wenn die Leute einem ausweichen als würde man mit dem Käsefinger aus „Gregs Tagebuch“ herumwedeln.

Der ohne zwingenden Grund in der Öffentlichkeit laufende, dazu schwitzende und entsprechend deutlicher atmende Mensch ist nichts, woran sich Mitbürgerinnen und Mitbürger dieser Tage erfreut. Im tiefsten Herzen kann ich es verstehen, aber etwas weiter außen nehme ich es persönlich. Gar so untrainiert bin ich ja gar nicht.

Aber das wird schon noch. Denn meine Schwester hat mich zwar auf die Online-Sportkurse eines Fitness-Anbieters hingewiesen, bei denen man sich nicht selbst mit Bild zuschalten muss. Aber beim Überfliegen des (50 000 Zeichen umfassenden!) Kleingedruckten stellte sich mir die Frage, wie es sein kann, dass das Unternehmen keine Daten weitergibt, wenn man nicht will, aber doch irgendwie unauflösbare Verbindungen zu Pinterest, Facebook und Amazon unterhält.

Sodass mir am Ende womöglich nur die gute, alte Kniebeuge vor offenem Fenster bleibt, ich aber neidlos zugebe: dialektisch haben es diese Cloudhändler drauf.

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