Gelbwesten in Frankreich

Wütend in Paris

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Wer durch Frankreich reist und in Paris unachtsam in ein Taxi steigt, kann was erleben.

Wenn es jenseits der Alpen und Pyrenäen in Frankreich zu schneien beginnt, wird dort umgehend eine Art mentaler Ausnahmezustand ausgerufen. Neige, Neige – Angst, Schrecken, Sondersendung. Weniger lustig ist es, wenn man sich im von den Folgen des Schneefalls betroffenen Verkehr befindet. Flüge fallen aus – sicher ist sicher. Zwei Zentimeter Neuschnee können eine ernste Gefahrenlage darstellen. 

So kam es, dass ich vor ein paar Tagen nach etwa acht Stunden ungewissen Aufenthalts auf dem Startflughafen Berlin-Tegel irgendwann spät nachts in Paris angekommen bin. Selber schuld, werden Sie sagen, und ich habe es mir schon beim starren Blick auf die Tragflächen immer wieder zugeflüstert. 

Ökologisch unkorrekt ist es ohnehin, aber ich schämte mich auch dafür, an einen reibungslosen Reiseverlauf geglaubt zu haben. Wie naiv. Bei jeder neuen Flugbuchung, die ich übrigens immer seltener durchführe, gehe ich zunächst davon aus, dass die Angaben über Abflug und Ankunft schon stimmen werden. Wir wissen es eigentlich besser. 

Auf dem Flughafen Charles de Gaulle angekommen, war ich zu müde, mich zu den öffentlichen Verkehrsmitteln durchzuschlagen. Ich beging sogar den Fehler, suchend dreinzublicken und mich ansprechen zu lassen. „Taxi, Taxi?“ „Oui“. Natürlich habe ich nach dem Preis gefragt. Weil ich nicht vehement widersprochen und clever gehandelt habe, wurde ich zur leichten Beute. 

Der junge Fahrer hatte mich als unerfahrenen Fahrgast eingestuft. Das war mir besonders peinlich, weil ich schon oft in Paris war, zuletzt aber immer über Orly angereist war. Während der Fahrt schraubte er den Preis noch in die Höhe. Neige, Neige, war später seine Begründung, eine Gefahrenzulage. Die Rückfahrt werde bestimmt preiswerter.

Der junge Mann war eloquent und geschickt, er ließ mich in seiner Gegenwart wohlfühlen. Bald wurde mir immer klarer, dass ich betrogen werde, aber anstatt mich zu wehren, ergab ich mich willfährig. Zu dumm?

Der Taxifahrer fragte, ob wir in Deutschland auch von den Gelbwesten gehört haben. An jedem Wochenende ist da mächtig was los. Ich bestätigte. In Deutschland gibt es das in der Form nicht, aber es gibt sie bei uns doch auch, die Wütenden, die wir aufgrund einer gedanklichen Unschärfe so nennen. Wut war einmal ein diskreditiertes Gefühl – Menschen, die nicht an sich halten können. Immer mehr scheint es die Ausdrucksform eines als legitim erachteten Protestes zu sein. 

Der Taxifahrer gab nicht zu erkennen, ob er den Gelbwesten eher zustimmt oder ihr Tun ablehnt. Ich hielt mich ebenfalls bedeckt. Lieber nicht über Politik sprechen. Siegesgewiss setzte er seinen Weg in sein Zusatzgeschäft fort, immerhin kannte er den Weg. Weil er ja ohnehin kräftig absahnte, fand er mühelos den kürzesten Weg. 

Ich glaube nicht, dass er mit den Gelbwesten sympathisiert. Einer wie er wähnt sich clever genug, sich überall durchzuschlagen. So jemanden kommt es nicht in den Sinn, andere für seine Lage verantwortlich zu machen.

Ich wiederum hatte allen Grund, auf mich selbst wütend zu sein. Aber froh darüber, endlich angekommen zu sein, rundete ich den geforderten Betrag noch zu einem ordentlichen Trinkgeld auf. Irgendwie hatte er sich das verdient.

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