Kolumne

Geht in den Untergrund!

  • schließen

Nirgends lässt sich Berlin so schnell entdecken, wie in der U-Bahn. Hier kann man die unterschiedlichen Charaktere der Stadt sehen, riechen und fühlen.

Wir haben Herbst. Noch erinnert das Wetter zwar eher an einen durchschnittlichen Juni in Berlin, also einen Juni vor der Klimakatastrophe. Aber die Blätter fallen und die Supermärkte sind voller Weihnachtsgebäck, der Winter naht.

Dadurch bewege ich mich nun anders durch die Stadt. Im Sommer bin ich so viel wie möglich mit dem Fahrrad unterwegs, weil ich mich vor Fitnessstudios noch mehr fürchte als vor Berliner Autofahrern. Sobald es aber kalt und dunkel wird, kann ich endlich wieder auf mein Lieblingsfortbewegungsmittel zurückgreifen: die U-Bahn.

Von allen Verkehrsmöglichkeiten in Berlin ist sie mit Abstand die beste. Wenn ich mich ausnahmsweise tagsüber in einem Taxi dem Stadtverkehr aussetze, kann ich gar nicht fassen, dass das jemand freiwillig macht. Und da fällt ja noch die Parkplatzsuche weg.

Seit vielen Jahren wohne ich in der Nähe einer Station der U-Bahn-Linie 8 (U8). Sie ist Berlins Lebensader. Und auch einer der wenigen Orte, an denen es ein bisschen nach Weltstadt aussieht. Und riecht. Vielleicht noch nicht an der Lindauer Allee, aber spätestens ab Gesundbrunnen in Richtung Süden.

Wenn ich hier einsteige, fühlt es sich an, als würde ich in eine Hochzeitsparty platzen. Die Gäste kommen aus aller Herren Länder. Manche haben schon ein bisschen Alkohol intus und ich bin im Zweifel sogar overdressed. Für die Musik sorgen dabei meine Noise-Cancelling-Kopfhörer, weil selbst meine Liebe Grenzen kennt.

Immer wenn wieder jemand knurrt, Multikulti sei tot, denke ich: „Ach Quatsch! Multikulti sitzt gerade quicklebendig in der U8 und fährt weiter bis Boddinstraße.“ Die U8 bietet den perfekten Querschnitt der Stadt mit Reinickendorfer Urberlinern, Gesundbrunnens Diversität, Mittebürgertum, Kreuzberger Boheme sowie Neuköllner Brudis und Schwestis. Eigentlich fehlen nur noch ein paar Zehlendorfer Villenbesitzer, aber dafür liegen zu wenig Tennisplätze an der Strecke.

Nachts dreht die U8 dann richtig auf und wird zum mobilsten Nachtclub der Bundesrepublik. Mit 38 Jahren fühle ich mich dort immer wie die Erziehungsberechtigte. Es ist nur der gnadenlosen Geschäftsuntüchtigkeit Berlins zu verdanken, dass hier niemand in den Waggons Getränke verkauft oder Musik auflegt. Die Ticketpreise könnte man so locker verfünffachen.

Aber auch die anderen U-Bahnlinien nutze ich gerne, also bis auf die U2. Aber wenn man es rumpelig, langsam und hin und wieder mit 20 000 teils angetrunkenen Fußballfans um einen herum mag, dann hat auch sie ihren Reiz.

Die Linie U6 ist so schön unprätentiös, die U3 hingegen hat Tennisplätze an der Strecke und die U7 verbindet Spandau, Wilmersdorf und Neukölln. Damit zeigt sie, dass alles möglich ist, wenn man nur will. Die U9 ist die Grande Dame, zumindest ab Zoologischer Garten südwärts. Sie ist mit Abstand die komfortabelste U-Bahn. Hier ist niemand betrunken, Hunde gibt es nur im Handtaschenformat und einige Fahrgäste haben angeblich sogar richtige Jobs.

Bei allem Gemotze über den öffentlichen Nahverkehr möchte ich ihn deshalb an dieser Stelle einmal ausdrücklich loben. Es gibt wenig Möglichkeiten, die Vielfalt Berlins derart mit allen Sinnen zu erleben und das zu einem Preis, für den es in Prenzlauer Berg höchstens eine Kugel Eis gibt. Kommt alle in den Untergrund und entdeckt die Stadt! Dieselfahrer sind natürlich auch herzlich willkommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare