+
Lagos in Nigeria  hatte in den 60er Jahren rund 665.000 Einwohner,  2017 mehr als 20 Millionen und Prognosen bis 2100 sagen zwischen 60 und 100 Millionen vorher.

Verkehrswende

Es geht um mehr als Fortbewegung

  • schließen

Die Verkehrswende braucht mehr als saubere Motoren. Nötig sind Lösungen für die weltweit wachsenden Metropolen. Der Gastbeitrag.

Mobilität ist kein Thema mehr für Technikfreaks: Ob Roller, neue Antriebe oder Ladestationen – wie wir uns bewegen, hat sich zu einem Stoff für heiße Debatten entwickelt. Und das nicht nur zu Zeiten der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA). Mobilität ist ein Dauerbrenner, weil es um mehr geht, als das Fortkommen von A nach B. Unsere Volkswirtschaft und die Luft in unseren Städten hängen davon ab. Deshalb lässt sich ohne Übertreibung festhalten: Wie wir als Autonation mit Mobilität umgehen, ob wir die vielzitierte Verkehrswende schaffen, entscheidet über unsere Wettbewerbsfähigkeit und unsere Lebensqualität, kurz gesagt – über unsere Zukunft.

Dabei übersehen wir häufig die globale Dimension, die nur teilidentisch ist mit der Lage hier. Und doch entfaltet sie Rückkoppelungseffekte, die wir im Auge behalten müssen. Ein ganz entscheidender Faktor liegt in der Urbanisierung. Sie vollzieht sich in einmaliger Geschwindigkeit hauptsächlich in Schwellen- und Entwicklungsländern. Inzwischen lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, bis 2050 werden es wahrscheinlich zwei Drittel sein. Am schnellsten wachsen sie in Subsahara-Afrika: Vor rund 60 Jahren gab es dort keine einzige Stadt mit über einer Million Einwohnern. Mittlerweile sind es mehr als 50. Lagos in Nigeria etwa hatte in den 60er Jahren rund 665.000 Einwohner, im Jahr 2000 waren es über acht Millionen, 2017 mehr als 20 Millionen und Prognosen bis 2100 sagen bei gleichbleibender Zunahme irgendwas zwischen 60 und 100 Millionen vorher.

Trotzdem haben Städte nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüßt. Sie gelten als Innovations- und Wirtschaftszentren – eine Funktion, die sie auf Dauer nur wahrnehmen können, wenn sie agil bleiben: Fast jede Aktivität ist mit Bewegung verbunden. Ohne Mobilität keine wirtschaftliche Entwicklung, kein Abbau von Armut und damit keine langfristigen Perspektiven. Deshalb brauchen Entwicklungsländer noch viel mehr Mobilität, trotz und wegen der Urbanisierung.

Joachim Nagel

Allerdings nicht nach bisherigem Muster: wegen der Umwelt, des Klimaschutzes und schlicht aus Platzgründen. Drei Autos nehmen im Schnitt so viel Raum ein wie 28 Fahrräder oder 82 Buspassagiere. Die Lösung in Entwicklungsländern kann deshalb nicht darin liegen, den Individualverkehr weiter anzufeuern. Sondern es braucht Lösungen, die verschiedene Verkehrsmodi intelligent aufeinander abstimmen und in die rasch wachsenden Städte eingliedern. Dazu gehören alle Arten öffentlicher Verkehrsmittel, aber auch Fahrradwege für den nichtmotorisierten Verkehr – die meisten Strecken in Städten sind kürzer als drei Kilometer – und Sharingangebote, wie sie in vielen Ländern ohnehin schon üblich sind. Ob Matatus in Kenia oder Sammeltaxis in Mexiko, der geteilte Fahrgastraum hat vielerorts Tradition.

Die KfW fördert nachhaltige Mobilität bereits rund um den Globus: Darunter waren zuletzt 500 Elektrobusse in Indien, Fahrradwege in Südafrika oder Straßenbahnen in Brasilien. In den vergangenen sechs Jahren mit insgesamt 2,7 Milliarden Euro. Doch das reicht nicht. Weder quantitativ: Das World Resources Institute schätzt den Investitionsbedarf auf 6000 Milliarden Dollar pro Jahr. Noch qualitativ: Die Lösungen müssen breiter angelegt sein und immer wieder nach neuen Ideen Ausschau halten. Seilbahnnetze wie in La Paz, das dort in wenigen Jahren errichtet wurde und täglich 300.000 Menschen transportiert, können vielversprechende Ergänzungen darstellen. Auch E-Rikschas, Elektrobusse oder Stadtbahnen können entlasten, zumal wenn Fahrpläne aufeinander abgestimmt sind und ein einheitliches Tarifsystem besteht. Manchmal genügt auch ein gut gesicherter Gehweg, denn in Entwicklungsländern gehen immer noch sehr viele Menschen zu Fuß.

Die Aufgabe ist gigantisch. Eine Förderbank wie die KfW kann hier nur Impulse geben. Gefragt sind in erster Linie die betroffenen Kommunen und Staaten selbst sowie die private Wirtschaft, die so schnell wie möglich nachhaltige Mobilitätsangebote weiterentwickeln und umsetzen sollten.

Weltweit betrachtet, geht es also um mehr als saubere Antriebe und die Frage ob Fahrzeuge einen Verbrennungsmotor, eine Batterie oder vielleicht auch eine Brennstoffzelle unter der Haube haben. Mit Autos allein, egal wie sauber sie sind, wird man den Herausforderungen in den ärmeren Ländern nicht gerecht. Diese brauchen erschwingliche und massentaugliche Systeme, bei denen das Auto weiterhin seinen Platz haben wird, aber eingebunden ist in ein Netz aus unterschiedlichen – digital unterstützten – Mobilitätsdiensten. Diese globale Perspektive sollten wir als Exportnation nicht aus dem Blick verlieren. Sonst verpassen wir den Anschluss.

Joachim Nagel ist Mitglied des KfW-Vorstands.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare