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Eltern wollen, dass es ihre Kinder einmal besser haben - und treiben sie häufig in krankmachenden Stress.

Burn-out

Die gehetzte Generation

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„Mir ist langweilig“ – diese wohltuende Erfahrung wird Kindern heute von ihren Eltern immer öfter vorenthalten. Dabei haben Forscher herausgefunden: Zu viel Stress im Kindesalter macht hässlich. Die Kolumne.

Langeweile kommt angekrochen und sie hat keine Eile. Auch schon wieder mehr als vierzig Jahre her, dass Hannes Wader einen Gemütszustand besungen hat, den sich heute keiner mehr glaubt leisten zu können: Langeweile. Ich kenne den Zustand nur noch aus meiner Kindheit. Wann war mal richtig nichts los? Keine Verabredung, kein Termin? Das pure Nichts. Wunderbar! Heute langweilen sich die Kinder nicht mal mehr in den Sommerferien. „Mir ist langweilig“ – das gilt nicht mehr.

Die Folge: Burn-out schon im Kinderzimmer. Immer mehr Kinder leiden unter dem Anspruchsdiktat ihrer Eltern. Nach einer Studie der Universität Bielefeld sind jedes fünfte Kind und jeder fünfte Jugendliche davon massiv betroffen. Besondere Dramen spielen sich in Familien mit schwierigem sozialem Hintergrund ab. Hier müssen Kinder teilweise sogar selbst die Elternrolle gegenüber ihren Geschwistern übernehmen, etwa wenn ein Elternteil gerade keinen Bock auf die Blagen hat.

Die Berichte der deutschen Jugendämter bilanzieren das Elend: Jahr für Jahr müssen sie sich um mehr Fälle kümmern, in denen das Kindeswohl – ein schönes Beamtenwort – gefährdet ist. Derzeit sind jährlich fast 40 000 Kinder Opfer von Gewalt oder Verwahrlosung. Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie in München wurde jüngst auf den alarmierenden Anstieg psychischer Erkrankungen bei Heranwachsenden hingewiesen. Als Risikofaktoren nannten die Experten den Leistungsdruck in der Schule, Mobbing-Erfahrungen und gesteigerten Medienkonsum. Diese gehetzte Generation werde von Eltern angetrieben, die ihrerseits selbst durch Beruf und Familie überfordert seien.

Angetrieben von überforderten Eltern

Der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Professor Holger Ziegler hat in seiner Stress-Studie festgestellt, dass die aufstrebende Bevölkerungsschicht ihre Kinder unter besonders hohe Leistungsanforderungen stellt. Diese Eltern nehmen finanzielle und zeitliche Belastungen in Kauf, um ihren Kindern eine bessere Zukunft als die eigene zu bieten. Nach dem Motto: Ihr sollt es mal besser haben. Aber wollen das die getriezten Sprösslinge überhaupt? Und fragt sie eigentlich jemand, was sie wirklich wollen? Vielmehr bleiben sie dem Ehrgeiz ihrer Erzeuger ausgeliefert. Sie werden in ein Terminkorsett gestopft, das keinen Spaß zulässt. Es liegt wohl am eigenen Stress dieser Eltern, dass sie meist nicht einmal mehr mitbekommen, wie ihre Sprösslinge verkümmern. Die wiederum schweigen und leiden, weil sie, so berichtet Ziegler, ihre Eltern nicht enttäuschen wollen.

Glückliche Kindheit sieht anders aus. Möglicherweise sei Stress die zentrale Problemlage des Aufwachsens im 21. Jahrhundert, so der Bielefelder Wissenschaftler. Natürlich sollen Eltern ihre Kinder fördern, aber das gelingt am entspanntesten jenen, die bereits einen hohen sozialen und ökonomischen Status erreicht haben. Klugheit, Menschlichkeit und ausreichend Geld der Eltern scheinen also ein gutes Rezept für eine glückliche Kindheit.

Positive oder negative Erlebnisse der Kindheit nimmt man weit mit ins Leben. Noch bei Erwachsenen ist zu sehen, wenn sie aus zerrütteten Elternhäusern stammen oder unglücklich waren. Das brennt sich bis in die Gesichter ein und macht sie weniger attraktiv, haben US-Forscher festgestellt. Auch nicht schön.

Karl-Heinz Karisch ist Autor.

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