US-Demokraten im Streit

Trump muss sich keine Sorgen machen

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Die US-Demokraten streiten über einen Kandidaten gegen Trump, statt einen Gegenspieler gegen den US-Präsidenten aufzubauen. Der Amtsinhaber muss sich also nicht sorgen. Der Leitartikel.

Eines muss man den US-Demokraten lassen: Die Kür ihres Präsidentschaftskandidaten wird nicht langweilig. Bei der ersten Abstimmung vor einer Woche im Bundesstaat Iowa gab es tagelang gar kein Ergebnis. Bei der zweiten Vorwahl am Dienstagabend in New Hampshire ist der monatelang als Favorit gehandelte Ex-Vizepräsident Joe Biden so dramatisch abgestürzt, dass es ein Wunder bräuchte, um den integren, aber beunruhigend kraftlosen „Opa Joe“ politisch wiederzubeleben.

Weit weniger klar ist, wer mit welchen Chancen an seiner Stelle als Herausforderer von Donald Trump antritt. Der Sieg des Linkspopulisten Bernie Sanders in dem Neuengland-Staat fiel nicht so eindrucksvoll aus wie erwartet. Immerhin hatte der weißhaarige Senator vor vier Jahren hier in direkter Nachbarschaft seiner Heimat Vermont die damalige Rivalin Hillary Clinton mit 20 Prozentpunkten Abstand vom Platz geputzt. Dieses Mal lag er in einem dichten Bewerberfeld nur wenige Tausend Stimmen vor dem Zweitplatzierten Pete Buttigieg.

Trotzdem dürfte der Erfolg des knorrigen 78-Jährigen mit revolutionären Ideen, der schon in Iowa je nach Zählweise den zweiten oder gar ersten Platz erobert hatte, im Parteiestablishment Alarmstufe Rot auslösen. Bei seinen jungen Anhängern ist Sanders beliebt, weil er kompromisslos radikale Forderungen wie die nach einer universellen Bürgerversicherung, massiver Umverteilung und dem Kampf gegen Pharmakonzerne vertritt. Stolz nennt er sich einen Sozialisten und erklärt der Wall Street den Krieg. Das begeistert die Fans, ist in einem durch und durch kapitalistischen Land aber eine höchst polarisierende Botschaft.

Nicht ohne Grund befürchten moderate Demokraten, dass damit unabhängige und enttäuschte Trump-Wähler in strategisch wichtigen Swing-States verschreckt werden. Auch steht offenkundig nicht die Mehrheit der demokratischen Wählerinnen und Wähler hinter Sanders. Die stimmte nämlich in New Hampshire für einen der drei pragmatischen Kandidaten: den Ex-Bürgermeister Buttigieg, die Senatorin Amy Klobuchar und den glücklosen früheren Obama-Vize Biden.

Während sich Donald Trump auf der republikanischen Seite seine Partei vollkommen untertan gemacht hat und sich zunehmend wie ein Autokrat gebärdet, ist die Lage bei den Demokraten also völlig unsortiert. Die drei Front-runner Sanders, Buttigieg und Klobuchar liegen jeweils mit Werten um 20 Prozent so dicht beieinander, dass keiner schnell aufgeben wird.

Im linken Lager scheint Sanders die gemäßigtere Reformerin Elizabeth Warren an die Wand gespielt zu haben. Aber bei den Moderaten ist nach dem Absturz von Biden völlig offen, wer die größten Chancen hat. Zu allem Überfluss ist da auch noch der Multimilliardär Mike Bloomberg, der bei nationalen Umfragen schon auf 13 Prozent kommt, obwohl er offiziell noch gar nicht in das Rennen eingestiegen ist. Er dürfte alles versuchen, um eine Sanders-Kandidatur zu verhindern.

Damit drohen nicht nur wertvolle Wochen mit parteiinternen Kämpfen verloren zu gehen, in denen die Demokraten keinen Gegenspieler gegen Trump aufbauen können. Auch ist die Gefahr riesengroß, dass sich moderate Kandidaten wie Buttigieg und Klobuchar, die auf pragmatische Reformen und eine Versöhnung des Landes setzen, gegenseitig verhindern. Ein kraftvolles Aufbruchsignal haben die Demokraten schon in Iowa verstolpert. Inzwischen sind die Feindseligkeiten zwischen den parteiinternen Lagern so groß, dass man sich fragt, wie nach einem qualvollen Prozess mit vielen Verletzungen beim Parteikonvent im Juli ein Präsidentschaftskandidat gekürt werden soll, für den wirklich alle Unterstützer auf die Straße gehen.

Der Wahlabend war da ein schlechtes Omen: Während im Fernsehen die Rede von Buttigieg übertragen wurde, kam im Sanders-Hauptquartier in Manchester Unruhe auf. „Wall-Street-Pete! Wall-Street-Pete!“, skandierten die euphorisierten „Bernie“-Fans, die dem 38-jährigen Hoffnungsträger vorwerfen, Spenden von reichen Unterstützern anzunehmen. Zwar beeilte sich Sanders anschließend zu versichern, dass alle Demokraten zusammenstünden, um „den gefährlichsten Präsidenten in der Geschichte des Landes“ zu schlagen. Bislang aber muss sich Trump noch keine großen Sorgen machen.  

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