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Yücel-Unterstützer will Erdogan bügeln.

Deniz Yücel

Gegen die Widersacher der Demokratie

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So wie sich der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel gegen die Feinde der Freiheit stellt, kann jeder von uns Widerstand leisten. Ein Gastbeitrag.

Ich kenne Deniz Yücel. Vor allem als Journalist. Schon als er für „Jungle World“ schrieb, las ich seine Texte gerne. Auch dann in der „taz“ und jetzt in der „Welt“. Er ist ein genauer Beobachter mit einer sehr klaren Haltung. Ein Demokrat, der sehr verlässlich über die jüngsten autokratischen Entwicklungen in der Türkei genau und unideologisch schrieb. Ich mag seine Texte. Ich habe mich in vielem auf sie stützen können. Ich glaube, so geht es vielen. Die Autokorsos, die vorgestern zeitgleich in dreizehn deutschen Städten stattfanden, zeigen deutlich, dass man sich bei uns sehr für die Türkei interessiert. Mich freut das.

Natürlich hätten wir das schon früher und deutlicher machen können. Es gibt Menschen, die seit zwanzig Jahren in der Türkei in Gefängnissen sitzen, weil sie von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht haben. Wo waren wir die letzten zwanzig Jahre?

Ganze Landstriche im Südosten der Türkei, in den kurdischen Gebieten, sind verwüstet, die Bevölkerung wurde ermordet oder ist geflohen. Wir hatten viele Gelegenheiten, uns für die Türkei und ihre Art Politik zu machen zu interessieren.

Es wird oft gesagt, der Türkei drohe eine Abwendung von der Demokratie. Die Wahrheit ist: Der türkische Staat hat sich schon längst von der Demokratie verabschiedet. Dort herrscht nur einer: Recep Tayyip Erdogan. Bei der Volksabstimmung am 16. April über die Einführung einer Präsidialverfassung geht es nur darum, die Verfassung der Wirklichkeit anzupassen. Erdogan möchte die Türkei wieder groß machen. In seinem und ausschließlich in seinem Sinne.

Es ist gut, dass wir auch hier uns dagegen wehren. Es ist auch gut, dass der Außenminister, die Kanzlerin, der Bundespräsident sich kritisch äußern. Sehr diplomatisch natürlich, aber ich begrüße das. Es ist aber auch wichtig, dass wir Bürger uns engagieren.

Wir haben – ohne das eine mit dem anderen gleichsetzen zu wollen – schließlich so unsere Erfahrungen mit Ermächtigungsgesetzen. Aber nach neuesten Umfragen könnten Erdogan bei der Volksabstimmung drei bis vier Prozent fehlen. Das wäre ein gutes Zeichen. Allerdings käme es dann wohl zu Neuwahlen, aus denen Erdogan womöglich mit einer Zweidrittelmehrheit hervorginge. Das wäre dann für die nächsten Jahre definitiv das Ende der türkischen Demokratie.

Ich setze sehr auf Deutschland. In der Präambel zum Grundgesetz heißt es: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen …“. Wir wissen, woher wir kommen. Das wird uns helfen zu verhindern, dass wir dorthin zurückfallen. Jedenfalls ist das meine Hoffnung.

„Wir schaffen das“, sagte Angela Merkel. Sie hatte recht. Wir müssen nur auch dafür arbeiten. Die lauten Stimmen, die brutalen Taten gegen Ausländer sind nicht zu übersehen. Aber es gibt in Deutschland eine Grundhaltung – ich behaupte – der Mehrheit der Bevölkerung, die sich dagegen wehrt, sich wieder vor nationalistische, völkermordende Karren spannen zu lassen.

Ich beobachte auch, dass die ja nicht nur Europa ergreifende Welle nationalistischen Egoismus zu einer Gegenbewegung führt. Immer mehr Menschen fangen wieder an, sich gegen diese Entwicklungen zu stemmen. Das ist auch notwendig. Denn es steht auf der Kippe. Man muss sich nur vorstellen Frau Le Pen würde Ende April, Anfang Mai zu ersten Präsidentin einer französischen Republik gewählt. Ich bin Feministin, aber gerade darum betrachtete ich das als eine Katastrophe. Europa würde daran zerbrechen.

Dabei sind das nur die aktuell bedrängenden Fragen. Das Verschwinden Europas, das Wiedererstarken der Nationalismen der einzelnen Länder, der Krieg in Syrien, die Entwicklung der Türkei hin zu einer Diktatur – das sind alles verhältnismäßig kleine Probleme im Vergleich zu dem, was uns Experten über die Auswirkungen der Klimaentwicklung voraussagen. Die werden zu Kriegen um Wasser und andere Ressourcen und zu Völkerwanderungen bisher unbekannten Ausmaßes führen.

Krisen verstärken den Ruf nach starken Männern. Schon die nur vermuteten. Was wird erst passieren, wenn wir wirkliche Krisen haben? Uns geht es so gut wie selten in der deutschen Geschichte. Auch dank der Immigranten. Dennoch versucht man wie schon einmal, Teile der Bevölkerung gegen andere aufzuhetzen.

Dem stellen wir uns entgegen. Jeder kann das. Jeder an seiner Stelle und jeder so gut er kann. Wir machen das hier am Theater. Deniz Yücel machte das als Journalist. Ich wünsche mir, dass er es bald wieder tun kann. Wir dürfen uns unsere Demokratie, wir dürfen uns unser Land nicht kaputt machen lassen.

Shermin Langhoff wurde 1969 in der Türkei geboren. Seit 2013 ist sie Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin.

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