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Die Deutschen trauern weniger pathetisch.

Anschlag am Breitscheidplatz

Gegen die Rückkehr des Pathos

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Angehörige der Opfer vom Breitscheidplatz machen in einem Brief an Kanzlerin Merkel ihrer Empörung Luft. Ist die Kritik berechtigt? Der Leitartikel.

Es gibt Schicksalsschläge im Leben, da denkt man, die Welt steht still. Und dass sie danach nicht mehr die gleiche sein kann wie zuvor. Man muss dann meist voller Erstaunen und Bitternis feststellen: Doch, sie dreht sich einfach weiter, der Alltag nimmt keine Rücksicht. Das ist so nach Katastrophen, wie man sie noch nicht erlebt hat.

Die Anschläge vom 11. September 2001 waren so ein Ereignis. Oder auch der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt vor einem Jahr. Der erste dschihadistische Anschlag in Deutschland. Ein Dutzend Tote, mehr als 70 Verletzte. Da muss doch etwas passieren, da muss sich doch etwas ändern! Die Schuldigen müssen zur Verantwortung gezogen werden! Stattdessen ging der Weihnachtsmarkt nach einem Tag der Stille weiter.

Kette der Fehlleistungen und des Versagens bei Amri

Angehörige der Opfer haben sich mit einem offenen Brief an Angela Merkel gewandt und ihre Enttäuschung, ihre Entrüstung formuliert, ganz persönlich an die Kanzlerin: Sie habe zu wenig getan, vor dem Anschlag und nach dem Anschlag. Sie habe sich nicht persönlich an die Betroffenen gewandt. In dem Brief schwingt die Empörung darüber mit, dass sich das Land und seine Regierungschefin nach dem ersten Schock einfach wieder abgewandt und ihr Alltagsleben wieder aufgenommen haben. Ist das ein gerechter Vorwurf?

Die Antwort ist kompliziert. Denn die Klage der Betroffenen verbindet, man könnte auch sagen: vermischt, verschiedene Ebenen miteinander, die man besser auseinanderhält. Da ist die völlig berechtigte Empörung über die schier unglaubliche Kette der Fehlleistungen und des Versagens so vieler Behörden, die den späteren Attentäter Anis Amri sehr wohl auf dem Schirm hatten, ohne die richtigen Konsequenzen zu ziehen.

Da ist die sehr verständliche Betroffenheit über die bürokratische Kälte, mit der manche Institution den Angehörigen begegnet ist, angefangen mit der Rechnung der Charité über die Leichenschau. Und da ist der nachvollziehbare Anspruch der Hinterbliebenen auf öffentliche Anteilnahme an ihrem privaten Verlust, weil der die Öffentlichkeit auch betroffen hat – denn jeder hätte selber ein Opfer sein können. Das gilt generell, nicht nur für Terroranschläge. Die Angehörigen der Opfer der Love-Parade-Katastrophe wie die der Opfer des Germanwings-Absturzes haben ganz ähnlich empfunden.

Und dennoch ist die Lage nach einem Terroranschlag anders. Hier gibt es ja auch eine politische Dimension. Die Terroristen greifen nicht bestimmte Individuen, sie greifen die liberale westliche Gesellschaftsordnung an. Deshalb lautete die einhellige Botschaft der Politik, der Kirchen, der Medien nach dem Berliner wie nach allen islamistischen Anschlägen im Westen: Wir leben so weiter, wir lassen uns nicht einschüchtern!

Das ist für die allermeisten Menschen eine stolze Haltung, die wenig kostet. Aber sie hat nichts zu tun mit dem Empfinden der Hinterbliebenen. Sie können ihr Leben gerade nicht so weiter leben wie gewohnt, und da geht es nicht um die Frage, ob sie noch einmal einen Weihnachtsmarkt besuchen.

Sie erwarten keine politische Botschaften, sie erwarten Hilfe, Zuspruch und Respekt. Der Brief der Angehörigen vermittelt den Eindruck, daran habe es von staatlicher Seite gemangelt. Das ist ein vielleicht nachvollziehbarer subjektiver Eindruck. Doch das stimmt nicht. Manches hat nicht gut funktioniert und ist erst spät in Gange gekommen, auch, weil jegliche Erfahrung im Umgang mit solch einer Lage gefehlt hat. Das stimmt.

Aber der höchste Repräsentant des Staates, Bundespräsident Joachim Gauck, der für die innere Sicherheit politisch Verantwortliche, Bundesinnenminister Thomas de Maizière, und der zuständige Landesregierungschef, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, haben sich mit den Angehörigen getroffen. Und die Kanzlerin hat sie für den Vorabend des Jahrestags eingeladen. Daraus lässt sich kein Vorwurf mangelnder Zuwendung und Pflichterfüllung ableiten.

Symbolische Anteilnahme des Staates

Was vielleicht fehlt, ist die symbolische Anteilnahme des Staates. Der große, pathetische Trauerakt, wie ihn die US-Amerikaner und die Franzosen so ergreifend beherrschen. Bisher ist dies allerdings nicht als Mangel, sondern als Stärke der Bundesrepublik wahrgenommen worden.

Der bewusst schlicht gehaltene Staatsakt, der aus einer Rede, ein wenig Musik und der Nationalhymne besteht, war eine demonstrative Abkehr von der martialischen Inszenierung staatlicher Hoheit und auch Trauer, wie sie ausgerechnet der Verbrecherstaat der Nationalsozialisten gepflegt hat. Die Bundesrepublik folgt hier einem Verständnis, das die Bürger in den Vordergrund und die staatliche Symbolik in den Hintergrund stellt.

Wenn die Angehörigen der Opfer eines Terroranschlags gegen diese gesellschaftliche Ordnung beklagen, der Staat achte gerade ihre Anliegen nicht hinreichend, ist das bitter. Aber das ist kein Grund für die Rückkehr des Pathos in das öffentliche Gedenken der Deutschen.

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