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Die Mauer ist weg - die Unterschiede zwischen Ost und West bleiben.
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Die Mauer ist weg - die Unterschiede zwischen Ost und West bleiben.

Mauerfall

Gegen Ost-West-Spalterei

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Mecklenburger waren schon immer anders als Westfalen, Brandenburger anders als Bayern. Und dass viele Ex-Bundis noch nie in Leipzig waren, ist auch nicht tragisch - in Bielefeld waren sie sicherlich auch nicht. Die Kolumne.

Eigentlich waren wir ja nie als heißblütige Feierbiester bekannt. Vor wenigen Jahrzehnten noch wurden Ehrentage und dergleichen in aller Verschwiegenheit und im engsten Kreis der Familie bei Eierlikör, Bowle und Lachsersatzschnittchen begangen. Heute hingegen strebt der Deutsche beim geringsten freudigen Anlass in die Öffentlichkeit und nennt sein ungebührliches Treiben „Event“.

Feste, die früher die Mutter mit zwei Tanten vorbereitete, richten heute spezielle Agenturen aus, und sogar Einschulungen werden zelebriert wie einst Bestattungen von Staatsmännern. Kein Wunder, dass Ausschulungen in Form von Abifeiern Ausmaße annehmen wie der Stapellauf der Titanic mit gleichzeitigem Starkbieranstich. Kurzum: Wir haben anscheinend Grund zum immerwährenden Hoch auf uns, doch wir wissen nicht warum. Vielleicht sind ja auch Abgründe unsere Gründe.

Zonenzöglinge und Ex-Bundis

Das könnte auch das erklären, was uns nun wieder bevorsteht. Denn – unter uns Brüdern und Schwestern gesagt – habe ich noch niemanden getroffen, der sich auf die nun anstehenden Feiern zum 25. Jahrestag des Mauerfalls wirklich freut. Warum auch? So mancher einstige Zonenzögling wünscht sich die frühere soziale Sicherheit wieder, den meisten Ex-Bundis ist das ganze Thema eh vollkommen wurscht. Außer einigen, die der Zeit des kuscheligen Vormauerberlins hinterhertrauern, als man dort noch nicht versuchte, Weltstadt zu spielen und Kreuzberger Nächte noch wirklich lang waren. Dass aber Umfragen zufolge die allermeisten Wessis noch nicht in Leipzig waren, finde ich nicht verwerflich. Das hat nichts mit Ignoranz zu tun, denn die allermeisten waren auch noch nicht in Bielefeld, was schließlich auch keiner anprangert.

Und damit wären wir bei den Unterschieden zwischen Ost und West. Dass es sie noch geben soll, wird immer wieder in der Presse betrauert, immer mit dem leisen Unterton, dass die Einheit noch nicht wirklich vollzogen sei, die Mauer nicht gänzlich gefallen, und dass „wir“ irgendwas falsch gemacht haben. Um es mal deutlich zu sagen: Ja, es gibt sie, die Unterschiede, und sie sind gewaltig. Das merke ich jedes Mal, wenn ich rübermache. Aber ist das schlimm? Und wenn, wer sind „wir“, die wir da Fehler gemacht haben sollen? Wenn, dann die Wessis. Denn niemand hatte die Absicht, den Westen dem Osten gleichzumachen, es war umgekehrt. Und siehe da: Es hat nicht funktioniert.

Zwar fährt man drüben keine Trabbis mehr, legt sich nicht mehr immerzu nackig ins Gefild‘ und trägt keine mehlschwitzefarbenen Windblusen mehr – doch man ist anders. Man ist anders, ohne noch eine Mauer im Kopf mit sich herumzuschleppen. Der Grund dafür ist ganz einfach: Mecklenburger waren schon vor dem Zweiten Weltkrieg anders als Westfalen, Brandenburger anders als Bayern und Berliner anders als Holsteiner. Schlicht zwischen Schwaben und Sachsen war und ist eine Gemeinsamkeit auszumachen: die Sprache. Sie erinnert hie wie da an den Hilferuf eines in Kartoffelbrei Ertrinkenden. Ansonsten gibt es überall Unterschiede, genauso wie zwischen Saarländern und Franken, Pfälzern und Hamburgern, Hessen und Rheinländern. Also hört auf mit dieser drögen Ost-West-Spalterei. Und feiert halt, dass die doofe Mauer weg ist. Meinetwegen auch mit einem Event.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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