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Gegen falsche Barmherzigkeit

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Von einem reifen, modernen und demokratisch informierten Umgang mit Führung ist die katholische Kirche im 21. Jahrhundert immer noch erschreckend weit entfernt.
Dass ein Suizid Sünde sein könnte, wird nun gewöhnlich schroff bestritten, man ist vorbildlich darin, das frisch Gelernte sofort zu lehren. © Imago

Der Suizid eines Limburger Priesters wirft Fragen auf, die beantwortet werden müssen. Der Gastbeitrag von Manfred Lütz.

Selbstmord“ ist ein Verbrechen. Dachte man früher. „Selbstmörder“ bekamen kein christliches Begräbnis. Heute hat sich das geändert. Gott sei Dank. Wir sprechen jetzt gewöhnlich von Suizid, von Selbsttötung, und es hat sich herumgesprochen, dass die meisten Suizide Folge einer psychischen Krankheit sind etwa einer Depression.

Da wäre es ganz abwegig, solche Menschen mit dem Mordvorwurf zu diskriminieren. Die Kirche hat das vergleichsweise spät erkannt, dafür aber dann die denkbar radikalsten Konsequenzen gezogen. Dass ein Suizid Sünde sein könnte, wird nun gewöhnlich schroff bestritten, man ist vorbildlich darin, das frisch Gelernte sofort zu lehren.

Für Psychiater spricht eine christliche Einstellung des Patienten wegen der traditionellen Perhorreszierung des Suizids allerdings immer noch für eine gewisse Hemmung vor dem Suizid, doch an der gegenwärtigen seelsorglichen Haltung der Kirchen findet das kaum noch eine Stütze.

Natürlich ist das Ende der Diskriminierung von Suizidenten zu begrüßen, aber auch bei diesem Thema ist es nicht gut, von einem Extrem ins andere zu fallen. Es gibt immer noch Fälle, da spreche auch ich lieber von „Selbstmord“.

Da ist der Mann, der seine Frau jahrelang belogen hat, er würde studieren und bald einen erfolgreichen Job haben. Als herauskam, dass er die ganze Zeit gefaulenzt hatte, schoss er sich eine Kugel in den Kopf und ließ seine Frau mit vier kleinen Kindern alleine zurück. Es gab keinen Hinweis auf eine psychische Erkrankung und ich fand, das war eine Tötung „aus niederen Motiven“, wie das Mordmerkmal heißt. Ich konnte gut verstehen, dass die Frau wütend auf diesen Mann war und ich fand den Ausdruck „Selbstmord“ da durchaus angebracht.

Auch wenn der Suizid als „Freitod“ verklärt wird, hat das seine Probleme. Ein berühmter liberaler Psychotherapeut, mit dem ich befreundet war, gestand mir, wie rücksichtslos den Angehörigen gegenüber er es empfunden habe, als ein Bekannter seinen „Freitod“ zelebriert habe.

Alle hätten im Zimmer anwesend sein müssen und viele hätten von einem Gefühlschaos berichtet von Wut auf den Vater, dass er sie alle rücksichtslos allein gelassen habe, über Mitgefühl, Trauer und Empörung, dass er sie zu Statisten seiner Inszenierung gemacht hatte. Der Freund sagte mir, er habe früher die Schweizer Regelung gut gefunden, aber nach dieser Erfahrung halte er sie für unmenschlich. Man darf auch sauer auf jemanden sein, der sich das Recht nimmt, sich einfach aus dem Staub zu machen.

Jetzt hat sich der Leiter des Limburger Priesterseminars nach einem Gespräch mit seinem Bischof suizidiert, in dem dieser ihn mit Vorwürfen „übergriffigen Verhaltens“ konfrontierte und ihn vorerst bis zur Klärung von seinen Aufgaben freistellte.

Man kann sich ausmalen, wie schrecklich so etwas für den Bischof, aber auch für diejenigen sein muss, die die Vorwürfe erhoben haben. Doch auch hier gilt: An dem Suizid eines gesunden erwachsenen Menschen ist ausschließlich dieser Mensch schuld, niemand anderes! Und wenn dieser Mensch nicht psychisch krank ist, wofür hier nichts spricht, dann ist und bleibt das für den Christen eine Sünde gegen den Schöpfer, die bei einem Priester besonders schwer wiegt.

Dennoch wird man auch diesen Menschen der Barmherzigkeit Gottes anempfehlen. Aber eines muss klar sein: Weder der Bischof noch diejenigen, die die Vorwürfe erhoben haben, sind schuld an einem solchen Suizid. Lässt man hier Unklarheiten bestehen, würden Betroffene von sexuellem Missbrauch noch ein zweites Mal traumatisiert.

Dennoch muss ein so einschneidendes Ereignis Anlass zum Innehalten sein. Wie sehr mag auch eine überhitzte Atmosphäre, in der schon der Verdacht auf sexuellen Missbrauch Lynchimpulse auslöst, am Ende zu einem solchen Fanal beigetragen haben?

Angesichts des gut gemeinten Übereifers heutiger kirchlicher Verantwortlicher fühlt sich mancher unschuldig beschuldigte Priester schutzlos. Auch schuldige Priester haben Anspruch auf einen korrekten Umgang – selbst für Mörder gilt die Menschenwürde. Die Überhitzung der Debatte schädigt auch Betroffene von sexuellem Missbrauch, wenn sie in Stellungnahmen nur noch über ihr Opfer-Sein definiert werden.

Gefragt wäre also anstatt eines agitierenden Tons größere Nüchternheit und wissenschaftliche Evidenz, außerdem die konsequente Beachtung rechtsstaatlicher Standards, historischer Kontexte und individueller Gegebenheiten. Dann könnte sich vielleicht auch die Kirche besinnen, dass die Einsicht in lang gezeigte falsche Barmherzigkeit nicht dazu führen darf, nur noch unbarmherzig zu sein. Schließlich ist die Hoffnung auf einen barmherzigen Gott am Ende alles, was uns Christen bleibt.

Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut und katholischer Theologe. Zuletzt erschien von ihm „Neue Irre – Wir behandeln die Falschen“.

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