Kolumne

Gefangen im Bild

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Die Macht von Fotos kann man in sozialen Medien beobachten. Dort und anderswo kann man auch den Kampf um die Deutungshoheit verfolgen.

Wenn man den Namen Hanns Martin Schleyer in einer Internet-Suchabfrage für Bilder eingibt, kommen dutzendfach Abbildungen zum Vorschein, die ihn als Gefangenen der Terrororganisation RAF im Jahre 1977 kurz vor seiner Ermordung zeigen.

„Seit 20 Tagen Gefangener der RAF“ steht auf einem Schild, das der damalige Arbeitgeberpräsident vor seinen Körper zu halten gezwungen war. Ein später aufgenommenes Foto bezeugt eine Gefangenschaft von 31 Tagen. „Commando Siegfried Hauser“ steht auf dem Schild, das außerdem das bald zu großem Bekanntheitsgrad gelangende RAF-Logo zeigt, in dem die Versalien RAF in ein Kalaschnikow-Gewehr eingearbeitet sind.

Hanns Martin Schleyer sieht auf dem Foto übermüdet aus. Erschöpft, aber nicht gebrochen. Es gehört zur erschütternden Geschichte des Bildes, dass in ihm ein vermeintlicher Täter des NS-Regimes als Opfer seiner Biografie betrachtet werden sollte. Die unsichtbaren Urheber des Fotos hatten sich in ihrer mörderischen Mission ermächtigt, Vollstrecker eines von ihnen erlassenen Urteils zu sein. Ein Prozess ohne Verteidigung.

Die Schleyer-Fotos sind seither fester Bestandteil der deutschen Nachkriegsikonografie. So zynisch das klingen mag: Die Rote Armeefraktion hat auch kunsthistorische Spuren hinterlassen. Die Körnigkeit der Bilder vermittelt insbesondere den Eindruck einer dokumentarischen Authentizität, die auf das Empfinden einer gesteigerten Dringlichkeit zu setzen scheint. Das fotografische Provisorium dient als Stilmittel einer Propaganda der Tat. Alles scheint hier einer Botschaft der Unbedingtheit unterworfen zu sein.

Ist es nicht genau das, was heute Eingang gefunden hat in jegliche Form von rasch hergestellten Internetbotschaften, deren Akteure nicht mehr eigens abwarten wollen, von Journalisten befragt zu werden?

Der thüringische CDU-Landesvorsitzende Mike Mohring hat unlängst ebenso zu dieser Mitteilungsform gegriffen wie der Fußballtrainer Jürgen Klinsmann. Beide haben mittels schlecht ausgeleuchteter Handyfilme Stellung zu ihrer beruflichen Demission bezogen, zu der es über die bloße Nachricht hinaus um die Vermittlung von und Autonomie über Befindlichkeiten ging.

Das selbstfabrizierte Bild als Rechtfertigung. Klinsmann und Mohring räumen Fehler ein und beharren doch auf der Wahrhaftigkeit ihres Tuns. Hier filme ich mich selbst und kann nicht anders. Was sie auf diese Weise vorführen, ist nicht zuletzt ein ästhetisches Ringen um persönliche Integrität.

Und während die Anbieter Snapchat und Instagram mehr oder weniger gefällige Selbstbilder verbreiten, verheißt die Kopplung mit einer Botschaft einen Mehrwert an Identität. Darin gleichen sie auf fatalistische Weise jenen sozialen Desperados wie in Halle oder Hanau, die ihr mörderisches Tun bei einer diffusen Öffentlichkeit vorbereiten oder hinterlegen, ehe sie sich auf den Kriegspfad begeben.

Es geht hier natürlich um Ähnlichkeiten und nicht um Gleichsetzungen. Wie auch immer das öffentliche Urteil über die Selbstdarstellung in der Netzwelt ausfallen mag, bestehen deren Akteure in den sozialen Netzwerken darauf, das letzte Wort zu behalten. Und bleiben doch gefangen im Bild.

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