Leitartikel

Afrika wird das Virus härter treffen als uns

  • schließen

Die weniger entwickelten Staaten wird das Virus härter treffen als die Industrienationen. Deshalb müssen vor allem die Europäer den Nachbarn helfen.

Noch scheinen die Zahlen in den 54 Staaten Afrikas nicht dramatisch. Es sind erst 4900 Menschen in 46 Staaten mit dem Virus infiziert. Dies ist nicht vergleichbar mit Zahlen in Europa oder den USA. Das ist aber nur der relativen Abschottung des Kontinents zu verdanken. Die Explosion der Pandemie steht noch bevor.

Tatsächlich steigt die Kurve der Ansteckungen etwa in Südafrika derzeit noch schneller an als zum vergleichbaren Zeitpunkt in Italien: Schon wurden aus Kayelitsha, einem Kapstädter Slum, die ersten Infizierten gemeldet. In wenigen Wochen könnten Hunderttausende Südafrikaner angesteckt sein, rechnen Fachleute aus: Innerhalb eines Jahres sogar 35 Millionen.

Kommt es tatsächlich dazu, wird die Katastrophe in den Ländern südlich der Sahara alle anderen Corona-Dramen der Welt in den Schatten stellen. Afrikas Gesundheitsversorgung ist nicht zu Unrecht berüchtigt: In Ruinenstaaten wie dem Südsudan gibt es gerade 50 Betten in Intensivstationen, in Simbabwe ist vor wenigen Tagen ein 30-jähriger Radiomoderator gestorben, weil in dem zu Grunde gerichteten Staat kein Beatmungsgerät aufzutreiben war. Selbst in Südafrika, dem medizinisch bestausgestatteten Staat des Kontinents, stehen lediglich 5000 Betten in Intensivstationen für rund 57 Millionen Menschen bereit.

Angestoßen von der Weltgesundheitsorganisation WHO verhängte der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa Ende vergangener Woche eine beispiellos radikale Ausgangssperre über das Kap. Drei Wochen lang dürfen Südafrikanerinnen und Südafrikaner nur noch zum Einkauf von Lebensmitteln oder Medikamenten aus dem Haus, sämtliche anderen Geschäfte, Restaurants, Bars, Ämter und sogar Parks bleiben geschlossen. Im Übereifer wurde selbst der Verkauf von Alkohol und Zigaretten untersagt.

Mit seinem Entschluss hat sich Ramaphosa weltweites Lob eingeheimst: der erste Staatschef, der sich bereits in einem derartig frühen Stadium der Pandemie zu einem derart radikalen Schritt durchrang. Wenn alles gut geht, wird die Kurve der Neuansteckungen spätestens in drei Wochen abflachen. Dann wäre die Katastrophe vermieden.

Dass alles gut geht, ist allerdings eher unwahrscheinlich: Zu viele Faktoren sprechen gegen einen durchschlagenden Erfolg des „Lockdowns“. Weil Ausgangssperren unter Armuts-Bedingungen, etwa dem Leben in Slums, zum Scheitern verurteilt sind. Keiner kann einer achtköpfigen Familie zumuten, sich drei Wochen lang in zwei kleine Räume einzusperren – sie kann sich auch nicht mit Lebensmitteln eindecken, weil ihr dazu das Geld fehlt. Viele können sich nicht mal alle zwei Stunden die Hände waschen, weil sie über kein fließendes Wasser verfügen.

Und schließlich werden die Brötchenverdiener, die in den meisten Fällen höchstens Gelegenheitsjobs nachgehen, für nicht gearbeitete Tage auch nicht bezahlt. Hunderte oder gar Tausende von Kleinunternehmen wird der „Lockdown“ allein in Südafrika ausradieren. Das Land wird in eine tiefe Rezession stürzen, von der sich seine ohnehin labile Wirtschaft noch viele Jahre lang nicht erholen wird. Falls der dreiwöchige „Lockdown“ dem Virus tatsächlich seinen Elan bricht, ist das ein womöglich würdiger Preis. Aber was, wenn nicht?

Dennoch folgen viele afrikanische Staaten dem Kap: Namibia, Ruanda, Simbabwe, Tunesien, Kenia und Nigeria haben strenge Ausgangssperren verhängt. Voraussichtlich werden sie von den wirtschaftlichen Folgen des „Lockdowns“ noch härter als das südafrikanische Schwellenland getroffen. In den ärmsten Ländern unter ihnen könnten sogar Hungersnöte ausbrechen. Kritiker der Ausgangssperren meinen, die Rosskur könne noch mehr Menschen zum Verhängnis werden als das Virus selbst: Eine Spekulation, die wohl nie beantwortet werden kann. Fest steht jedoch, dass Afrikas vielgepriesener Aufstieg zumindest um Jahre, wenn nicht um Jahrzehnte zurückgeworfen wird.

Nicht nur im Scherz sprechen viele Afrikanerinnen und Afrikaner vom „europäischen“ statt vom „chinesischen“ Virus. Zu ihnen war der Erreger nicht aus China, sondern aus Europa gekommen – ein weiterer Fluch, den die Ex-Imperialisten über ihren Kontinent brachten.

Das Ressentiment ist natürlich unangebracht: Anders als Sklaverei und Kolonialismus hat kein Europäer das Virus absichtlich nach Afrika geschleppt. Sollte in Europa jetzt allerdings die Tendenz siegen, sich angesichts des globalen Unheils einzuigeln und den Teil der Welt allein zu lassen, dann wären die Ressentiments zweifellos berechtigt.

Die Konsequenz des viralen Fallouts kann nur sein, dass die Weltgemeinschaft zusammenrückt und gemeinsam für den Schaden aufkommt. Alles andere käme dem ersten Völkerverbrechen dieses Jahrhunderts gleich.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare