Die Kolumne

Gefährliche Kontakte

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Was einst mit den Ureinwohnern Feuerlands und ihren Ressourcen geschah, erscheint sehr weit weg. Zumindest solange wir noch aus dem Vollen schöpfen können.

Genau einhundert Jahre ist es her, dass der Völkerkundler Martin Gusinde aufbrach, um in Feuerland die letzten Ureinwohner zu studieren. Dem Österreicher war klar, dass sie dem Untergang geweiht waren. Also wollte er noch so viel Wissen wie möglich über sie sammeln, bevor sie für immer von der Erde verschwanden. Das ist ihm gelungen. Gerettet hat es die Feuerländer nicht. Von Missionaren sesshaft gemacht und in Stationen zusammengepfercht, falsch ernährt, mit europäischen Krankheiten infiziert, fanden sie innerhalb weniger Jahre den Tod.

Eine zentrale Rolle bei der Ausrottung jener drei Ethnien, die ohnehin am Rande des Existenzminimums lebten, spielte, dass sie ihrer natürlichen Lebensgrundlagen beraubt wurden. Walfänger und Siedler plünderten die Bestände an Walen, Robben und Seevögeln. Das war fatal für die beiden Stämme, die ihr gesamtes Leben in Booten und am Meeresufer verbrachten.

Die Angehörigen des dritten Stammes, das Jägervolk der Selk’nam, wurden dagegen gezielt bejagt, weil sie den Unterschied zwischen den wilden Guanakos und den eingeführten Schafen nicht begreifen konnten. Biologisch schon, aber eigentumsrechtlich nicht. Europäische Schafzüchter, welche die Insel besetzt hatten, veranstalteten regelrechte Treibjagden auf sie.

Vom Untergang dieser Völker wissen heutige ethnische Minderheiten kaum etwas, und doch gibt es naturnah lebende Gruppen, die mit allen Mitteln den Kontakt zum weißen Mann zu vermeiden suchen. Als ob sie ahnen, welches Schicksal ihnen blüht, wenn sie ihre selbstgewählte Isolation verlassen. Manchmal erfahren Forscher über Indigene, zu denen sie Kontakt haben, dass irgendwo tief in den Wäldern Amazoniens noch Menschen leben, die keinen Kontakt zu irgendeiner anderen Zivilisation als der eigenen haben wollen.

Flüchtige, zufällige Sichtungen vom Flugzeug aus gibt es ab und zu. Und selten einmal tappen solche Gruppen sogar in Fotofallen, die Biologen eigentlich für Wildtiere aufgestellt haben. Kluge Naturschützer machen nicht viel Wirbel um diese Begegnungen, denn Holzfäller, Jäger, Straßenbauer und Goldsucher sehen in ihnen unliebsame Hindernisse für die rücksichtslose Ausbeutung der Ressourcen.

Nur in ausgedehnten Nationalparken und ähnlichen Schutzgebieten haben Indigene derzeit eine Chance, sich anderen menschlichen Kulturen gar nicht anzunähern oder zumindest mit selbst gewählter Geschwindigkeit und Intensität. Manche Stämme konnten sich Reservate erstreiten. Hier gehen Naturschutz und die Sicherung von Menschenrechten oft Hand in Hand. All das blieb den Feuerländern verwehrt.

Viele tausend Jahre war es ihnen gelungen, in einer Gegend, die außer rauem Klima wenig bot, unbehelligt zu überleben. Der Raffgier weißer Siedler aber hatten sie nichts entgegenzusetzen. Selbst ohne die direkten Verfolgungen wären sie wohl ausgestorben, allein weil ihnen Zugang und Nutzung ihrer natürlichen Ressourcen unmöglich gemacht worden waren.

Das alles scheint sehr fern von uns. Und in der Tat sind wir in fast jeder Hinsicht weit weg von den Feuerländern. Wir können uns in unserer Umwelt ziemlich gefahrlos und flexibel bewegen und, was die Ressourcen angeht, zumindest derzeit noch so richtig aus dem Vollen schöpfen. Da ist es eine echte Versuchung, die natürlichen Grenzen unseres Wirtschaftens aus dem Auge zu verlieren.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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