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„Horror-Clowns“ machen Angst.
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„Horror-Clowns“ machen Angst.

Das steckt hinter dem Phänomen Horrorclown

Gefährliche Clowns

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Das Treiben von Spaßvögeln ist mehr als nur eine Ausgeburt kranker Hirne. Es ist eine makabre Verkleidungstour zwischen Pennälerstreich und kriminellen Absichten. Der FR-Leitartikel.

"Gefährliche Clowns stehen am Straßenrand“, hieß es Ende der 70er Jahre in einem Lied der Band „Der Plan“, die zu der Zeit die Musikrichtung der Neuen Deutschen Welle prägte. „Paranoia ist berechtigt“, heißt es schicksalsergeben in dem Stück. Das Lied war hinsichtlich seiner ästhetischen Qualität selbst bereits etwas gruselig, transportierte ansonsten aber eine Anspielung auf die vor allem in Hollywoodfilmen reüssierende Clownsfigur, die nichts Gutes im Schilde führt.

Das Grauen naht in lustiger Maske, und die Stilikone des plötzlich auftauchenden Bösen war der Clown Pennywise, dem Stephen King in seinem Romanbestseller „Es“ als Wiederkehr des Verdrängten eine mörderische Gestalt gab. Außerdem machten auf Bluttaten versessene Weihnachtsmänner und andere Triebtäter von sich reden.

Die Untoten und Clowns sind los

Aus literarischer und filmischer Sicht ist es dennoch verwunderlich, dass nun als modischer Trend in Parks und an dunklen Straßen wiederkehrt, was die künstlerische Fantasie bereits vor Jahrzehnten hinreichend bearbeitet hat. Kulturhistorisch betrachtet ist das plötzliche Erscheinen von Schreckensgestalten sehr viel älter. So gesehen sind die nun als gesellschaftliches Gewaltphänomen auftretenden Horrorclowns eine Referenz an das Halloweenfest nordamerikanischer Prägung, das wiederum ein Import vor allem irischer Einwanderer war, die zum katholisch-keltischen Fest Allerheiligen (All hallows eve) ihrer Verstorbenen gedachten. Und was die Toten in der Vorstellungswelt der Lebenden anrichten, ist seit jeher unberechenbar.

Die Untoten und Clowns sind los, und sie halten sich nicht länger an die engen Verkehrsformen, die ihnen einst der Kirchenkalender für den Stilmix aus religiösen und heidnischen Bräuchen bereitgehalten hat. Zur akuten Verbreitung gehören zweifellos die Vertriebswege des Internets, vor dem nichts sicher ist, was sich in verwackelten Bildern als authentisches Geschehen per Youtube und anderen Kanälen in Umlauf bringen lässt. Die makabre Verkleidungstour, die zwischen Pennälerstreich und handfesten kriminellen Absichten changiert, ist nichts ohne das mühelos zu verbreitende Beweisstück, das dokumentiert, dass sich die anderen auch kräftig erschrocken haben.

Gegen den fatalen Ausgang, den die rüden Clownattacken wiederholt hervorgebracht haben, ist kein volkspädagogisches Kraut gewachsen. Die Mahnungen, es bitte, bitte, nicht mehr zu tun, denen sich unter anderen auch der Genre-Autor Stephen King angeschlossen hat, scheinen derzeit eher ein hilfloser Versuch zu sein, das seltsame Gebaren der störrischen Kinder wieder unter Kontrolle zu bringen.

Vernunftappelle sind gut gemeint, aber zwecklos, das war bereits bei der wieder abflauenden Versessenheit auf die digitale Ausgabe des Spiels Pokemon Go so. Man wird also abwarten müssen, bis das Fieber nachlässt und die Spieler wieder die Lust verlieren.

Der als Erklärungsversuch zurate gezogene Hinweis, dass es sich bei den epidemisch auftretenden Horrorclowns um Menschen mit einer auffälligen Ich-Schwäche handelt, die Spaß und Genugtuung aus der Angst und Verstörung der anderen beziehen, vermag nur bedingt zu beruhigen.

Mehr als nur eine Ausgeburt kranker Gehirne

Die über die digitalen Medien und Netzwerke verstärkten Trends erhalten gerade erst eine gesteigerte Relevanz dadurch, dass sie sich des öffentlichen Raums bemächtigen. Das Phänomen der Horrorclowns scheint sein Faszinosum und seine vorrübergehende Kraft insbesondere aus der Bewegung zu ziehen, die sich zwischen Tastatur und Straße vollzieht. Das Böse ist außer Kontrolle und will es sein.

Und doch ist das monströse Treiben ausgeflippter Spaßvögel mehr als nur eine Ausgeburt kranker Gehirne. Was sich hier als irregeleitetes Theater inszeniert, ist letztlich auch eine unterschwellige Antwort auf die auch in modernen Gesellschaften nachhaltig wirkende Erfahrung, dass alles Mögliche über einen hereinbrechen kann. Es gibt keine Freiheit vom Schicksal und keinen Schutz vor schrecklichen Ereignissen. Es gehört zur Chiffre der Zeit, dass sich stets auch welche finden, die daraus Lustgewinn beziehen.

Während wir noch geneigt sind, den dschihadistischen Terror in einem religiös-politischen Bezugsrahmen zu deuten, verweisen die Horrorclowns auf eine aus Überdruck entstandene Akteursfiktion, die sich in Form motivationsloser Gewalt Luft machen muss. An ihrem Auftreten ist nichts mehr Protest oder Widerspruch. Vielmehr äußert sich in ihren wirren Angriffen auf den öffentlichen Raum das Bedürfnis, die bloße Anwesenheit antisozialer Affekte zu beweisen.

Verkleidungsfeste wie Karneval und Halloween rufen eine vorübergehende Szene der gesellschaftlichen Umkehr in Erinnerung, die fest gefügte Gewissheiten auf ritualisierte Weise infrage stellt. Die Horrorclowns sind dieser ritualisierten Ordnung entflohen, und es ist zu befürchten, dass sie wie die Figuren des Bösen in Stephen Kings Roman „Es“ die Gestalt wechseln können.

Der nächste böse Trend kommt bestimmt.

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