Kolumne

Wie ein Gebirgsbach

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Getrauert wird heutzutage nicht nur in Briefen oder in Anzeigen, sondern auch in den sozialen Netzwerken. Dabei lässt sich allerlei entdecken.

Die Todes- und Familienanzeigen sind eine verschwindende Gattung. Ein beträchtlicher Teil des Kondolenzwesens findet heute in den sozialen Netzwerken statt, wo sie nicht selten in bekenntnishafte Ich-kann-es-nicht-fassen-Bekundungen, #RIP münden. Eine moderne Form des Grundsatzes: „De mortius nihil nisi bene.“ – Über die Toten nichts Schlechtes.

Vor einer Woche ist der Berliner Schriftsteller Michael Rutschky gestorben, viele Trauerbekundungen finden sich dazu auf Twitter. Aber es gibt auch herkömmliche Reaktionen. Die Redaktion der evangelischen Wochenzeitung „Christ & Welt“ etwa  hat Stimmen von Weggefährten zusammengetragen. 

Der Schriftsteller Gerd Koenen, mit dem Rutschky einmal eine Amerikareise unternommen hat, rühmt ihn als denjenigen, „der die Dialektik zwischen dem ,Begriffshunger’ von 1968 und dem ,Erfahrungshunger’ der 70er Jahre am subtilsten aufgeschlüsselt hat“. 

Friedrich Christian Delius sieht ihn als einen entfernten Verwandten, als „nordhessischen Wahrnehmungsfanatiker“. Für Hans Christoph Buch war Rutschky „das Gegenteil eines pseudointellektuellen Wutbürgers, der sich im Rampenlicht spreizt im Namen seiner angeblich bedrohten Identität. Gewaschen mit allen Wassern der kritischen Theorie, verkörperte er eine heute selten gewordene zivilgesellschaftliche Toleranz, ohne Schaum vor dem Mund und ohne linke Rechthaberei“. Der Schriftsteller Hanns Josef Ortheil bedauert auf seiner Homepage, dass das gegenseitige Versprechen, sich bald zu besuchen, nicht mehr eingelöst werden konnte.

Was die Rutschky-Welt ausmachte, lässt sich auf dem Blog Das-Schema.com nachlesen. Dort finden sich Chroniken, in denen Rutschky auf die ihm eigene Art seine Zeitungslektüre auswertete sowie Texte des mit ihm verbundenen Autorennetzwerks veröffentlichte. 
Wo früher die Sensationen des Gewöhnlichen gefeiert wurden, ist nun alles in Schemata geordnet: alt/jung, einst/jetzt, oben/unten, gesund/krank. Als Michael Rutschky krankheitsbedingt die Arbeit am Blog einstellen musste, wurde sie von Kurt Scheel, dem früheren Merkur-Herausgeber, in Form einer regelmäßigen Briefkolumne übernommen. 

In einem dieser Briefe schildert Kurt Scheel die letzten Wochen mit Michael Rutschky und nimmt darin auf ergreifende Weise Abschied von dem Meister der kleinen Beobachtungen. „Oft lag Michael mit geschlossenen Augen da, aber hörte alles, verstand alles. Einmal sagte er, nach einer halben Stunde: ‚Ich bin erschöpft, du musst jetzt gehen, Kurt.‘ Da wurde mir kalt ums Herz. Es war nun Anfang März, er atmete schwer, hatte auch dieses Sauerstoffding in der Nase, das Wasser blubberte. 

,Wie ein Gebirgsbach’, wollte ich sagen, um ihn zu erheitern, aber er schlief wohl zu tief. Wenn ich kam, ihn ansprach oder berührte, riss er die Augen auf und sagte laut ,Ja?!‘, aber ich war mir nicht sicher, ob er mich erkannte. 

So saß ich meistens stumm am Bett, ein halbes Stündchen, eigentlich kein Krankenbesuch, sondern eher eine Andacht; schade, dass man nicht beten kann, dachte ich so vor mich hin, verwarf den Gedanken aber sofort. Als ich ihn am 7. März verließ, gab er mir die Hand, da musste ich weinen, denn Michael war sein Lebtag der strengste Verächter des Händeschüttelns gewesen.“

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