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Auch Geben muss geübt werden.
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Auch Geben muss geübt werden.

Hilfsbereitschaft

Geben will gelernt sein

  • Petra Kohse
    VonPetra Kohse
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Will er das Geld? Beschäme ich ihn nur unnötig? Es ist gar nicht so einfach, jemandem direkt zu helfen.

Herbstzeit, Eichhörnchenzeit. Unter allen Bäumen sieht man sie jetzt eifrig scharren: schnell rein mit der Nuss, dann aber oft wieder raus mit der Nuss und entweder einmal rundum abgenagt oder mit gespreizten Fellärmchen hastig den umliegenden Boden abgetastet, ob sich nicht doch ein besseres Plätzchen fände. Wie winzige Füchse sehen sie beim Graben aus, so ungewohnt horizontal und mit ihren prächtigen roten Schwänzen!

Auch die menschlichen Straßenbewohner Berlins versuchen in diesen Wochen Vorräte anzulegen. Allerdings stehen ihnen keine Verwahrungsorte zur Verfügung, und so müssen sie das Gesammelte stets mit sich führen. Der ältere Mann in der Linie 9 Richtung Steglitz etwa trug zwei Mäntel und eine Überhose aus Planenstoff, die am Knie zerschlissen war. Vorsichtig stellte er einen kaputten Einkaufskorb neben sich, legte beide Hände auf die Knie und blickte ruhig geradeaus.

Der Korb und die Haltung rührten mich, und ich wollte ihm gerne etwas geben. Nicht nur eines von den 50-Cent-Stücken in meiner Manteltasche, sondern mehr. Zehn Euro. Unauffällig öffnete ich meinen Geldbeutel, fand nur einen Zwanziger und nahm ihn in die Hand.

Nun saß der Mann aber auf der anderen Seite des Ganges, und ich hatte Hemmungen, ihm den Schein vor aller Augen anzubieten. Es würde ihn, der sich darum bemühte nicht aufzufallen, sicher vor den Kopf stoßen. Er bat um nichts als Akzeptanz, wie er da saß. Und so traute ich mich nicht, ihn zu stören.

Oder waren diese Skrupel ein Versuch meines schwäbischen Über-Ichs, mich selbst auszubremsen? Ich beschloss, mit ihm auszusteigen und ihn auf dem Bahnsteig anzusprechen. Tatsächlich gelang es mir ihm zu folgen, als er den Zug beim nächsten Halt plötzlich verließ. Doch huschte er – buchstäblich und den Korb an sich gedrückt – so schnell davon, dass mir nichts anderes übrig blieb, als zurück in den Waggon zu treten, noch immer im Besitz der 20 Euro und beschämt: gerade so, als hätte ich ihn verjagt.

Auch Geben muss geübt werden, und den ersten Moment des Zögerns, diese kleine Überwindung, die es mich gekostet hatte, meinen Einsatz mangels Passendem zu verdoppeln, hatte er vielleicht als eine auf ihn bezogene Unehrlichkeit wahrgenommen, mit der er nichts zu tun haben wollte. Oder war schon der Wunsch zu geben hier der Sündenfall gewesen? Ein Dünkel, jemandem seine Nichtzugehörigkeit vor Augen zu führen?

Wobei ein Teilen auf Augenhöhe bei materieller Ungleichheit ja nicht vorgesehen ist! Dafür gibt es in dieser Gesellschaft kein Konzept. Übrigens auch nicht unter den Angehörigen der „Generation Share“. Auf Besitz zu verzichten wagt man dort nur unter seinesgleichen. Und handelt damit nach einer Art freiwilliger Eichhörnchenökonomie: Solange man bei Bedarf zuverlässig eine Nuss findet, muss es nicht unbedingt die eigene sein.

Etwas wegzugeben, das ein Fremder selbst nicht hat, ist eine andere Sache, die, wie das Märchen vom Sterntaler zeigt, mit etwas Glück nicht unrentabel sein muss. Auch da allerdings werden die Gaben ausdrücklich erbeten. Das ungebetene Geben indessen ist wohl doch eher ein Kaufangebot – und für die Deutungshoheit über die eigene Bedürftigkeit wären 20 Euro am Ende sowieso zu wenig gewesen.

Petra Kohse ist Autorin.

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