Eine Mutter mit ihrem Kind in einem Krankenhaus in der Hauptstadt der Zentral Afrikanischen Republik, Bengui. Der Junge kam mit einer HIV-positiv zur Welt.
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Eine Mutter mit ihrem Kind in einem Krankenhaus in der Hauptstadt der Zentral Afrikanischen Republik, Bengui. Der Junge kam mit einer HIV-positiv zur Welt.

Heidemarie Wiezcorek-Zeul über ihre Erfahrungen mit Bill und Melinda Gates

Mit Gates eine Chance

  • vonHeidemarie Wieczorek-Zeul
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Über Milliardäre lässt sich streiten. Aber warum muss es gegen diejenigen gehen, die helfen, Leben zu retten? Und Slogans wie „Gib Gates keine Chance“ lassen jeden Anstand vermissen.

Es geht nicht um das Recht auf Meinungsäußerung. Ich habe genug Kampagnen und Auseinandersetzungen geführt, um zu wissen, dass Zuspitzen, Austeilen und Einstecken dazugehört. Es geht darum, was man mit dem Recht auf Meinungsäußerung anstellt. Denn ein Recht zu haben, entbindet nicht von einem verantwortungsvollen Umgang damit.

„Gib Gates keine Chance“ ist eine Anspielung auf die 1987 gestartete Aufklärungskampagne gegen HIV/Aids. Das Motto rückt also Melinda und Bill Gates in die Nähe einer der größten Pandemien, die mindestens 32 Millionen Menschenleben gekostet hat.

Sowohl über HIV/Aids als auch über Bill und Melinda Gates weiß ich ein paar Dinge, die ich in meiner Arbeit erfahren habe. Ich weiß nicht, in wie vielen Krankenhäusern ich gestanden habe, die wegen HIV/Aids eingerichtet werden mussten. Wer in die Augen der Betroffenen gesehen hat und wem es dabei nicht das Herz zerrissen hat, den kann ich nicht verstehen.

Als ich Entwicklungsministerin wurde, schlug die Krankheit gerade eine Schneise der Verheerung durch ganze Weltregionen. Afrika war besonders betroffen. Wir standen vor der Gefahr, dass eine ganze Generation ausgelöscht würde – mit den entsprechenden Konsequenzen für die Stabilität und die Wirtschaft dieser Regionen. In den wohlhabenden Ländern zuckte man dazu mit den Schultern. Die Medikamente seien zu teuer, um sie allen zugänglich zu machen, hieß es.

Übrigens gab es auch damals verantwortungslose Staatenlenker, die entweder mit Blick auf Stimmungsmache oder aus Inkompetenz das Virus verharmlost und geeignete Gegenstrategien untergraben haben. Und es gab auch damals Menschen, die Schutz durch Kondome als „Einschränkung ihrer Freiheit“ abgelehnt und lächerlich gemacht haben. Dafür werden wohl Hunderttausende den höchsten Preis bezahlt haben.

Die Gründung des Globalen Fonds gegen Aids, Tuberkulose und Malaria war die innovative und umfassende Antwort. 2001 verständigten sich die G8 darauf, den Kampf gegen die drei Infektionskrankheiten zu verstärken. Das bewirkte innerhalb weniger Jahre enorme Fortschritte: zum Beispiel massive Preisreduktionen und trotzdem Qualitätssteigerung bei Tests und Medikamenten.

Das Geld dafür kam von Staaten wie Deutschland, aber auch von privaten Gebern, darunter auch der Gates-Stiftung. Dieses Geld hat Millionen Menschen das Leben gerettet, die jetzt tot wären – abgesehen von den sozialen, ökonomischen und politischen Schockwellen, die uns nicht erreicht haben, weil dieses Massensterben verhindert wurde. Über das „Präventionsparadox“ wurde ja schon viel geschrieben, also darüber, wie schwer es ist, eine Katastrophe zu beschreiben, die aufgrund klugen Handelns eben nicht eingetreten ist.

Ich habe Bill Gates ein paar Mal persönlich getroffen. Zuletzt hatte er gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Macron 2019 in Lyon einen großen Anteil daran, dass die Mittel für den Kampf gegen HIV/Aids auch in den kommenden drei Jahren zur Verfügung stehen. Ich werde hier nicht auf die unterirdischen Unterstellungen gegen ihn und seine Stiftung eingehen, die gewissenlose Menschen in die Welt setzen. Ich werde auch nicht die haltlosen Behauptungen diskutieren, die manche Menschen zur Corona-Krise verbreiten, in dem Glauben, sie wären schon deshalb einer heißen Sache auf der Spur, weil sie auf obskuren Internetseiten zu lesen war.

Heidemarie Wiezcorek-Zeul

Bill und Melinda Gates haben ihr Schaffen und ihr Vermögen in den Dienst der Idee gestellt, dass der Geburtsort unserer Menschenkinder keinen Einfluss mehr darauf haben soll, welche Lebenschancen sie haben. Ihre Initiativen haben Hunderttausenden das Leben gerettet. Man braucht nicht jedem ihrer Vorschläge zuzustimmen. Und ich bin sehr offen für die Diskussion über eine Wirtschaftsordnung, die Multimilliardäre hervorbringt, während gleichzeitig Millionen Menschen nicht die einfachsten Dinge zum Leben haben.

Aber dass nun ausgerechnet die Milliardäre sich rechtfertigen sollen, die sich um eine enkelgerechte Zukunft bemühen, während andere weiter ihr bequemes Leben führen und ihr Geld in Raketenprogramme, Fußballvereine und Desinformation investieren, finde ich sehr merkwürdig. Und ich finde es empörend, wenn Menschen, die anderen das Leben gerettet haben, mit grauenvollen Epidemien in Verbindung gebracht werden, deren Opfer ich so oft selbst gesehen und viele Jahre immer wieder zu schützen versucht habe.

Wer den Spruch „Gib Gates keine Chance“ weiterverbreitet, ist deshalb offensichtlich ignorant oder infam. Vielleicht auch beides. Anstand hat nichts mit Ideologien zu tun. Anstand muss unser Recht auf Meinungsäußerung begleiten. Sonst wird die Luft vergiftet, in der die besten Ideen für die Zukunft kommender Generationen atmen sollen.

Heidemarie Wiezcorek-Zeul (SPD) war von 1998 bis 2009 Entwicklungsministerin. Sie ist Vizepräsidentin der „Freunde des Globalen Fonds Europa“.

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