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Wenn Lebensräume zerstört werden und natürliche Barrieren wegfallen, bringt das Arten in Kontakt zueinander, die vorher nicht im Kontakt waren.

Gastbeitrag

Natur als Bollwerk gegen Pandemien

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Umwelt und Gesundheit: Wir müssen unsere Beziehung zur Natur überdenken und korrigieren. Der Gastbeitrag.

Ostern 2020 wird anders. Viele Familien können nicht gemeinsam feiern, Freunde sich nicht besuchen. „Stay at Home“ auch an den Feiertagen – während zeitgleich weltweit Ärzte und Pflegepersonal gegen die Covid-19-Pandemie ankämpfen.

Das Virus hat unser aller Leben verändert. In dieser schwierigen Zeit erleben wir bei aller Betroffenheit und den dramatischen Folgen aber auch eine Welle der Solidarität und der Achtsamkeit. Das begeistert mich, zugleich bin ich aber auch nachdenklich, denn die Verletzlichkeit unseres Zusammenlebens und Wirtschaftens wird offensichtlich.

Seit Jahren warnen Mediziner wie Umweltschützer, dass sowohl durch den Verlust von natürlichen Ökosystemen und biologischer Vielfalt als auch durch den illegalen Wildtierhandel nicht nur die Gesundheit unseres Planeten, sondern auch unsere eigene Gesundheit in Gefahr ist. Im schlimmsten Fall ist Covid-19 nur ein Vorgeschmack darauf, was uns noch bevorstehen könnte.

Die Gefahr weiterer Pandemien und Zoonosen, also Erreger, die die Grenze zwischen Mensch und Tier überwinden, nimmt zu. Auch andere gefährliche Infektionskrankheiten stehen in direktem Zusammenhang mit der Umweltproblematik. Eine neue WWF-Analyse zeigt, dass es längst nicht nur die Wildtiermärkte sind, die solche Szenarien wahrscheinlicher werden lassen.

Eberhard Brandes.

Ohne Frage, es braucht ein international konsequentes Vorgehen gegen den illegalen Wildtierhandel und eine bessere Regulierung des Handels mit legalen Produkten wie etwa bestimmten Wildfleischsorten. Ausschlaggebend wird sein, ob es uns gelingt, die Schließung aller unregulierten Märkte zu erreichen.

Hoffnungsvoll stimmen hier die Ergebnisse einer aktuellen WWF-Umfrage aus fünf asiatischen Ländern, wie etwa Thailand oder Vietnam. Über 90 Prozent der Befragten würden es unterstützen, wenn ihre Regierungen diese Märkte schließen. Das ist ein beeindruckender Rückhalt, der hoffentlich politisches Handeln nach sich zieht.

Ein weiterer Schlüsselfaktor ist der Schutz der biologischen Vielfalt und vitaler Ökosysteme, allen voran der letzten großen Wälder. Wenn Lebensräume zerstört werden und natürliche Barrieren wegfallen, bringt das Arten in Kontakt zueinander, die vorher nicht im Kontakt waren.

Zudem entsteht eine räumliche Nähe zum Menschen. Das Zika-Virus etwa ist auf den Zika-Wald in Uganda zurückzuführen. Auch Dengue, Chikungunya oder Gelbfieber kamen wahrscheinlich aus den Wäldern zu uns. Eine brasilianische Studie von 2010 zeigt: Die Abholzung von vier Prozent eines Waldes ging mit einer fast 50-prozentigen Zunahme der Malariafälle beim Menschen einher. Ähnliches wurde in Afrika beobachtet: Durch den Bau von Staudämmen nahm die Population wandernder Süßwassershrimps ab. Das führte dazu, dass sich die Beutetiere der Shrimps, bestimmte Schneckenarten, vermehrten. Die Schnecken wiederum sind Zwischenwirt des Bilharziose-Erregers. In der Folge kam es zu einer Zunahme der Erkrankung beim Menschen.

Generell scheinen vor allem jene robusten Arten Veränderungen zu überleben, die als Erreger-Reservoir fungieren. So können etwa einige Nagetiere und Fledermausarten – die häufig mit Zoonosen in Zusammenhang gebracht werden – gut fortbestehen, auch wenn ihre Lebensräume verschwunden sind. Das zeigt: Die Beziehungen zwischen den Tier- und Pflanzenarten in einem Ökosystem sind komplex. Alles hängt mit allem zusammen. Fallen Glieder weg, wird das System instabil. Und Krankheitserreger haben leichteres Spiel.

Deutschland muss in diesem Kontext seiner Verantwortung nachkommen und eine Vorreiterrolle übernehmen. Konkret braucht es etwa Gesetze auf nationaler wie europäischer Ebene für entwaldungsfreie und nachhaltige Lieferketten. Auch die Finanzwirtschaft und die staatlichen Konjunkturprogramme müssen ökologischen und sozialen Kriterien folgen.

Richtschnüre liefern das Klimaziel von Paris ebenso wie die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (UN). Auf internationaler Ebene muss Deutschland andere Länder bei der Eindämmung von Zoonosen-Risiken unterstützen, etwa durch ein konsequentes Vorgehen gegen illegalen Artenhandel.

Die Gesundheit von Menschen, Wildtieren und Umwelt muss konsequent zusammen gedacht werden. Ein „Weiter so“ darf es nach der Covid-19-Krise nicht geben. Die Zusammenhänge zwischen gesunden, vielfältigen Lebensräumen einerseits und der menschlichen Gesundheit andererseits müssen bei der globalen Gesundheitsvorsorge in den Fokus gestellt werden – damit wir Ostern in den kommenden Jahren wieder so feiern können, wie wir alle es gerne würden.

Eberhard Brandes ist der Vorstand des WWF Deutschland

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