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Gastbeitrag

Gedenken an die Opfer des Holocausts: Wissen schützt vor Relativierung nicht

  • vonRüdiger Mahlo
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Wo es über Jahrzehnte darum ging, an die Schoah zu erinnern, geht es heute und künftig darum, ihre wahre Bedeutung zu erhalten. Der Gastbeitrag.

  • Vor 76 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit.
  • Das Wissen über den Holocaust müsse genutzt werden, um sich gegen Antisemitismus zu positionieren.
  • Viele Jugendliche geben bei einer Studie an, den Begriff Auschwitz nicht einordnen zu können.

„Ich habe große Angst, entdeckt und erschossen zu werden.“ So schreibt Anne Frank in ihr Tagebuch am 28. September 1942. Um unentdeckt zu bleiben, musste sie in ihrem Amsterdamer Versteck immerzu leise sein. 75 Jahre später veranlassen Eltern, dass ihr elfjähriges Kind die Einschränkungen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie mit der Lebenssituation von Anne Frank gleichsetzt.

„Ich fühlte mich wie bei Anne Frank, wo sie mucksmäuschenstill sein mussten, um nicht erwischt zu werden“, sagte das Mädchen auf einer Demonstration 2020 in Karlsruhe, um zu beschreiben, wie sie ihren Geburtstag feiern musste. Anne Frank wurde im Frühjahr 1945 im Alter von 15 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordet.

Zu Recht löste dieser Vergleich einen Sturm der Entrüstung aus. Neu ist aber, dass die Schoah Bezugspunkt für jede Art des Opferempfindens wird. Das bloße subjektive Empfinden reicht aus, um sich mit einem Opfer der Schoah zu vergleichen. Wenn bisher das Herunterspielen der Verbrechen, das generelle Infragestellen Kennzeichen der Holocaustrelativierung und -leugnung waren, so geschieht sie heute in dem Wissen und in ihrer Anerkennung. Was es jedoch bedeutet, Opfer der Schoah gewesen zu sein, wird völlig verkannt und schamlos instrumentalisiert.

Anne Frank wurde im Frühjahr 1945 im Alter von 15 Jahren im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordet.

Wissen über Holocaust: Haltung gegen Antisemitismus und Rassismus lernen

Wo es über viele Jahrzehnte darum ging, die Erinnerung an die Schoah wachzuhalten, geht es heute und in Zukunft darum, ihre wahre Bedeutung zu erhalten. Dies ist gerade auch im deutschen Kontext wichtig. Die Erinnerung an den Holocaust ist Teil der deutschen Identität. Wer das politische Deutschland verstehen möchte, wer die Entwicklung Deutschlands hin zur Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verstehen möchte, kann dies nicht ohne den Blick auf die Schoah tun.

Es ist fraglich, welches Wissen über die Schoah und die Wege, die zu ihr führten, vermittelt wird. Ohne dieses Wissen ist es jedoch schwer, Haltungen zu entwickeln, die sich gegen jede Form von Holocaustrelativierung, Antisemitismus und Rassismus positionieren.

Die mangelnde Haltung zeigt sich von der Schule bis in den Bundestag hinein, wo die AfD-Fraktion mit „Schuldkult“-Debatten dieser zutiefst antisemitischen Haltung einen parlamentarischen Boden bereitet.

Corona: Opfer des Holocausts in sozialer Isolation

Diese antisemitische und schuldabwehrende Haltung verletzt die Würde der Überlebenden und ihrer Nachkommen. In diesem Moment, in dem Demonstrierende unter Missachtung der Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus die Gesundheit anderer gefährden und sich mit „Judensternen“ auf eine Ebene mit Verfolgten des NS-Regimes stellen, sind Hunderttausende Überlebende der Schoah weltweit, die aufgrund ihres hohen Alters zur obersten Risikogruppe gehören, in sozialer Isolation. Nicht wenige leiden unter der Reaktivierung schwerster Traumata – und doch wissen sie um die Notwendigkeit der Maßnahmen.

Wenn wir zulassen, dass das von Deutschland ausgehende Leid der Schoah in Zweifel gezogen, die Opfer und Überlebenden, die Erinnerung und das Gedenken beschmutzt werden, ist auch unsere demokratische und offene Gesellschaft in Gefahr.

Es ist zu begrüßen, dass die Bundesregierung im März 2020 mit der Änderung des Strafgesetzbuches die Ahndung von Holocaustleugnung verschärft hat. Nach massivem Druck der Überlebenden der Schoah und der Claims Conference im Rahmen der Kampagne #NoDenyingIt hat auch Facebook die Leugnung des Holocausts in seinen sozialen Netzwerken verboten.

Studie unter Jugendlichen zum Holocaust: Viele kennen Auschwitz nicht

Doch Haltungen und Wissenslücken ändern wir nicht mit Strafverfolgung allein. Es braucht viel grundlegenderer Bemühungen, die Schoah zu erforschen und das Wissen um die Verfolgung und Ermordung der Opfer, um die Täter und die langfristigen Folgen über Generationen hinweg zu vermitteln.

Als größter Förderer von Projekten zur Erforschung und Vermittlung der Schoah hat die Claims Conference in mehreren Ländern Studien in Auftrag gegeben, die das Wissen über den Holocaust unter Jugendlichen abfragen sollten. Das erschreckende Ergebnis: Ein großer Teil kann bereits mit dem Begriff Auschwitz nichts mehr anfangen.

Auf der anderen Seite sagen etwa drei Viertel der Befragten, dass das Lernen über den Holocaust wichtig sei und 82 Prozent begrüßen, die Vermittlung des Holocausts in der Schule. Das Schicksal des Gedenkens an die Schoah in unserer Gesellschaft und der daraus ableitenden Haltungen, gegen Antisemitismus und Rassismus einzustehen, liegt in unser aller Hand.

Rüdiger Mahlo ist Repräsentant der Jewish Claims Conference in Deutschland.

Rubriklistenbild: © imago-images

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