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Wegschauen führt in die Katastrophe

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Von: Udo Bullmann

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Woher das Essen nehmen? Dürre in Somalia.
Woher das Essen nehmen? Dürre in Somalia. © Michael Tsegaye/dpa

Immer mehr Menschen hungern. Trotz vieler Erfolge ist dies global ein so großes Problem wie nie zuvor.

Schon vor der Covid-19-Pandemie hat das UN-Welternährungsprogramm alarmierende Zahlen veröffentlicht: 135 Millionen Menschen waren Ende 2019 weltweit von akutem Hunger bedroht. Grund dafür sind durch den Klimawandel bedingte Fluten und Dürren und immer wieder militärische Konflikte.

Diese Zahl hat sich durch die Pandemie mehr als verdoppelt. Nach über 110 Tagen Krieg in der Ukraine ist das Ausmaß noch dramatischer. Rund 320 Millionen Menschen leiden unter Hunger. Die Kornkammer der Welt, die Ukraine, kann durch Zerstörung und Blockade nicht mehr liefern, was vor allem unser Nachbarkontinent Afrika zu spüren bekommt. Putins Krieg tötet – nicht nur in der Ukraine, sondern weltweit.

In der Ukraine sitzen über 20 Millionen Tonnen Getreide fest. Der Plan, Silos an der Westgrenze der Ukraine zu errichten, um die neue Ernte einzubringen und notleidende Gebiete zu versorgen, ist richtig und muss umgehend umgesetzt werden.

Die Weltgemeinschaft muss handeln. Bereits im September haben die USA zehn Milliarden US-Dollar zugesagt. Eine Geberkonferenz der Vereinten Nationen (UN) zu den schlimmsten Härten am Horn von Afrika vom April erbrachte 1,4 Milliarden Euro. Die EU ist mit 600 Millionen Euro der größte Geldgeber.

Dennoch, das World Food Programm der UN bleibt notorisch unterfinanziert. Es ist deshalb wichtig, dass das Bundesentwicklungsministerium zusammen mit der Weltbank ein Bündnis für globale Ernährungssicherheit ins Leben gerufen hat, das die Initiativen von Staaten, Privatwirtschaft und Nichtregierungsorganisationen bündeln soll. Direkte Nahrungsmittelhilfe zu leisten, ist heute das dringendste Gebot. Doch wir müssen uns endlich auch mit den strukturellen Ursachen des Hungers auseinandersetzen, in einer Welt, die nach wie vor genug für alle hat.

Afrika verfügt mit 60 Prozent der weltweiten Ackerflächen über ein enormes Potenzial. Unser Nachbarkontinent könnte sich selbst und weite Teile der Welt ernähren. Auf Export getrimmte Monokulturen gepaart mit schlechter Infrastruktur und oft fehlendem Knowhow produzieren dagegen eine tödliche Spirale der Unterversorgung, die ein für alle Mal durchbrochen werden muss.

Nirgendwo ist die Hinwendung zu einer nachhaltigen, an den Bedürfnissen der Bevölkerung orientierten Landwirtschaft so dringend geboten, aber gleichzeitig auch so lohnend wie in Afrika.

Dazu müssen wir aufhören, den afrikanischen Markt mit Billigprodukten aus unserem agro-industriellen Komplex zu überschwemmen. Wir sollten stattdessen helfen, aus Rohstoffen höherwertige Güter herzustellen und gute Arbeit und Entlohnung über faire Lieferketten durchzusetzen. Regionale Produktion und ökologische Kreislaufwirtschaft stärken das Einkommen der Familien und schaffen neue Chancen, gerade auch für Frauen in ländlichen Gebieten.

Die afrikanische Landwirtschaft leidet unter ihrer Abhängigkeit von einer schmalen Zahl vom Export dominierter Anbaugüter und unter teuer importierten Düngemitteln. Sie braucht stattdessen klimaresistentes Saatgut und eine Verbesserung der örtlichen Infrastruktur, inklusive digitaler Beratungsangebote und einer sicheren Energieversorgung. Investitionen, die sich lohnen werden: Berechnungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (FAO) zeigen: Jeder Euro, der heute in vorausschauende Maßnahmen investiert wird, ersetzt sieben Euro, die künftig in kurzfristige Nothilfen fließen müssten.

Die EU wie ihre Mitgliedstaaten müssen angesichts der drohenden Katastrophe im Globalen Süden ihre externe Politik überprüfen und neu ausrichten. Neue Finanzmittel werden nötig sein, auch über konditionierte Entschuldungsprogramme und Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds (IWF). Steuerschlupflöcher müssen gestopft und illegale Kapitalabflüsse unterbunden werden. Nur so gewinnen heute ärmere Länder den Spielraum, ihre reichhaltigen Ressourcen für eine bessere Zukunft der nächsten Generation einzusetzen.

Die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen 2030 mit ihrer Vision eines guten Lebens für alle in einer friedlichen und umweltgerechten Welt können wir nur gemeinsam erreichen. Indem wir global handeln, lokal für spürbare Verbesserungen sorgen und unser Entwicklungsmodell grundlegend korrigieren.

Das macht Kurskorrekturen erforderlich, im Norden wie im Süden. Bei ihrem Gipfeltreffen mit den Staaten der Afrikanischen Union im Februar dieses Jahres hat die EU den Beginn einer neuen Partnerschaft auf Augenhöhe zugesagt. Die Zeit, das einzulösen, ist jetzt.

Udo Bullmann ist SPD-Europaabgeordneter undKoordinator der sozialdemokratischen Fraktion im Entwicklungsausschuss.

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