Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Im August 2015 kommen tausende Flüchtlinge am Münchener Hauptbahnhof an. Die Migrationspolitik von 2015 fungiert als Negativ für Politik von heute.
+
Im August 2015 kommen tausende Flüchtlinge am Münchener Hauptbahnhof an. Die Migrationspolitik von 2015 fungiert als Negativ für Politik von heute.

Gastbeitrag

Afghanistan: Die Tragödie der Geflüchteten ist ungelöst - aber es gibt Wege

Die Lage in Afghanistan muss für Deutschland und andere Länder Anlass sein, eine nachhaltige und menschenwürdige Migrationspolitik zu etablieren. Ein Gastbeitrag von Sandra Breka.

Kabul - Im August 2015 wurden Tausende Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof von jubelnden Bürgerinnen und Bürgern begrüßt. Die Ohnmacht angesichts der dramatischen Lage in Afghanistan, wo Zehntausende Menschen weiterhin darauf warten, das Land zu verlassen, um internationalen Schutz zu finden, könnte in keinem drastischeren Gegensatz zu damals stehen. Die Migrationspolitik von 2015 fungiert als Negativ für Politik von heute. Vielfach geht es um „Ordnung“ oder „Steuerung“ und darum, die Verantwortung für Flüchtlinge auf die stark belasteten Nachbarstaaten Afghanistans zu begrenzen.

Afghanistan muss für Deutschland und seine Partner Anlass sein, eine nachhaltige und menschenwürdige Migrationspolitik zu etablieren. Dabei geht es auch um weitsichtige Vorsorge, denn Migration und andere drängende Herausforderungen wie Klimawandel, Ungleichheit und Konflikte bedingen sich gegenseitig. Unser derzeitiges internationales Migrationssystem ist auf die Folgen dieser Wechselbeziehungen nicht vorbereitet.

In Deutschland sind Asylanträge seit 2016 stark rückläufig

Die überragende Mehrzahl der weltweit 26,4 Millionen Flüchtlinge befindet sich außerhalb Europas – das sich immer weiter abschottet. Auch in Deutschland sind Asylanträge seit 2016 stark rückläufig und könnten 2021 den niedrigsten Stand seit acht Jahren erreichen. Die Tragödien im Mittelmeer oder im schwer belasteten Libanon, wo jeder Sechste ein Flüchtling ist, bleiben ungelöst.

Es bedarf geordneter, legaler und sicherer Aufnahmemöglichkeiten für Flüchtlinge – in Deutschland und Europa, um für Krisen vorzusorgen und Alternativen zu gefährlichen Fluchtrouten zu entwickeln. Internationale Solidarität und der Schutz der Menschenwürde sind dabei humanitäre Verpflichtung und staatliches Eigeninteresse zugleich.

90 Prozent der afghanischen Geflüchteten leben in Iran und Pakistan

In Iran und Pakistan leben bereits heute rund 90 Prozent der 2,2 Millionen registrierten afghanischen Flüchtlinge. Die Umsiedlung in andere Länder bietet besonders gefährdeten Menschen den benötigten Schutz. Ohne eine solche internationale Verantwortungsteilung ist Flüchtlingsschutz auf Dauer nicht denkbar. In akuten Krisen sind Aufnahmeprogramme für Zehntausende Menschen eine Lebensversicherung.

Weltweit jedoch klafft die Lücke zwischen der Zahl der Flüchtlinge, die laut Vereinten Nationen eine Umsiedlung benötigen, und staatlichen Zusagen weit auseinander. Vor der Pandemie wurden nur rund fünf Prozent der besonders gefährdeten Flüchtlinge umgesiedelt. Deutschland bietet dieses Jahr über Aufnahmeprogramme bis zu 6 800 Flüchtlingen Schutz. Fachleute und Teile der Politik fordern mindestens 40 000 Aufnahmen pro Jahr. Während staatliches Handeln fehlt oder nur schleppend erfolgt, versuchen Zivilgesellschaft und Kommunen, Flüchtlingen Schutz zu bieten.

EU-Aufnahmeprogramm und eine Koalition der Willigen mit Deutschland

Was wollen die Bürgerinnen und Bürger im Land? Der Bürgerrat „Deutschlands Rolle in der Welt“ fordert ein EU-Aufnahmeprogramm und eine Koalition der Willigen mit Deutschland, sollte es keine gesamteuropäische Lösung geben. 270 deutsche Städte und Kommunen bekundeten gemeinsam mit rund 70 Städten weltweit ihre Bereitschaft zur Aufnahme von Flüchtlingen, nun auch aus Afghanistan.

Dieses Engagement sollte ergänzend zu einem angemessenen staatlichen Aufnahmeprogramm angenommen und öffentlich gefördert werden. Das so genannte Community Sponsorship für Flüchtlinge bedeutet, dass Gruppen oder Kommunen Unterstützung bei der Aufnahme und Betreuung von Flüchtlingen bieten und/oder finanzielle Mittel beisteuern. Dafür müssten diese Akteure auch an Entscheidungen zur Aufnahme von Geflüchteten stärker beteiligt werden. In einer diesjährigen bundesweiten Erhebung von „More in Common“ gaben 22 Prozent der Befragten an, dass sie sich vorstellen könnten, zu einer solchen Initiative beizutragen.

Integration von Geflüchteten: Community Sponsorship hat zahlreiche Vorteile

Kanada hat mit einem derartigen Programm seit 1979 rund 300 000 Flüchtlinge empfangen. In Deutschland wurde 2019 ein Pilotprogramm eingerichtet, über das insgesamt bis zu 500 Personen in einer staatlich-zivilgesellschaftlichen Partnerschaft aufgenommen werden sollen, zusätzlich zu rein staatlichem Handeln. Das Community Sponsorship hat zahlreiche Vorteile: Die Integration der Flüchtlinge wird durch persönliche Beziehungen und individuelle Unterstützung gefördert – und kann so Integration stärken und einer gesellschaftlichen Polarisierung entgegenwirken.

Zur Autorin

Sandra Breka ist Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung

Eine neue Bundesregierung hat die Chance, die Flüchtlingspolitik international und national neu zu gestalten. Von Zivilgesellschaft und Kommunen unterstützte Aufnahmeprogramme können einen wichtigen Beitrag leisten – auch für die europäische und internationale Migrationspolitik. Es gibt Wege aus der Ohnmacht, es gilt sie zu gestalten. (Sandra Breka)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare