1. Startseite
  2. Meinung
  3. Gastbeiträge

Wasserstoff als Beruf

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Die Orbital Marine Powers O2 ist die weltweit leistungsstärkste Gezeitenturbine. Die 74 Meter lange Turbine soll in den nächsten 15 Jahren in den Gewässern vor Orkney betrieben werden und den jährlichen Bedarf von rund 2.000 britischen Haushalten mit sauberem Strom decken.
Die Orbital Marine Powers O2 ist die weltweit leistungsstärkste Gezeitenturbine. Die 74 Meter lange Turbine soll in den nächsten 15 Jahren in den Gewässern vor Orkney betrieben werden und den jährlichen Bedarf von rund 2.000 britischen Haushalten mit sauberem Strom decken. © imago

Öl soll durch andere Energien ersetzt werden. Dafür wird weder genügend ausgebildet, noch werden Produktion und Entwicklung koordiniert. Ein Gastbeitrag von Marc Bovenschulte.

Die sich unter dem Eindruck der Klimaerwärmung vollziehende Erzeugung und Nutzung von grünem Wasserstoff zielt nicht nur auf den Ersatz von CO2-belastetem, „grauem“ Wasserstoff durch eine klimaneutrale Variante ab, sondern soll perspektivisch auch eine Vielzahl zusätzlicher Anwendungen ermöglichen. Neben diesen neuen Anwendungskontexten über die etablierten Industrieverfahren hinaus ist die Einbindung der grünen Wasserstofferzeugung in das System der regenerativen Stromerzeugung sowie die damit betriebene Elektrolyse von Wasser die zentrale Neuerung einer grünen Wasserstoffwirtschaft.

Dabei ist deren sich aktuell weltumspannend vollziehender Aufbau von zahlreichen Herausforderungen geprägt. Im Kern ergibt sich dabei eine Gleichzeitigkeit aus entstehenden Technologien, entstehenden Geschäftsmodellen, entstehenden Regulierungsregimen und entstehenden Qualifikationsanforderungen. Mit Blick auf Bildung und Qualifikation wird zu Recht betont, dass diesen eine bedeutende Rolle für eine funktionierende und wettbewerbsfähige grüne Wasserstoffökonomie zukommt.

Benötigt werden Fähigkeiten für die Herstellung von technischen Systemen und Anlagen zur Produktion, Speicherung, Verteilung und Nutzung von grünem Wasserstoff und die damit verbundene Systemintegration. Gleiches gilt für Fachpersonal zum Betrieb und zur Wartung derartiger Systeme und Anlagen.

Auf der Verwaltungsseite sind hingegen regulatorische, rechtliche und administrative Kenntnisse zur Anwendung in Zulassungsverfahren, Abnahmeprozessen und vieles mehr nötig. Woher sollen all diese Fähigkeiten kommen, wenn einerseits alles parallel entsteht und es andererseits noch keinen etablierten (Arbeits-) Markt gibt?

Einige Hochschulen bieten Bachelor- und Masterstudiengänge mit stark technischer Ausrichtung an. Planerische, regulatorische, rechtliche oder auch ökonomische Aspekte werden meist nur angeschnitten.

Zum Autor

Marc Bovenschulte untersucht am Institut für Innovation und Technik in Berlin den Wandel von Wertschöpfung und Beschäftigung.

In der beruflichen Aus- und Weiterbildung zeichnet sich aktuell noch kein erkennbares Bild ab. Für eine grundständige Berufsausbildung „Wasserstoff als Beruf“ gibt es noch keine breite Nachfrage. Um dennoch auf den unweigerlich, aber vorerst nur schrittweise entstehenden Bedarf auch an Fachkräften angemessen reagieren zu können, bietet es sich somit an, ein ausreichend großes und flexibles Angebot an Maßnahmen zur Weiterentwicklung bestehender Fähigkeiten und Kompetenzen zu etablieren.

Aufgrund des „werdenden“ Charakters der grünen Wasserstoffökonomie wird es darauf ankommen, alle Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen so zu gestalten, dass sie auf sich kurzfristig ergebende Entwicklungen eingehen können.

Die Entwicklung eines Sets von Fähigkeiten dürfte insbesondere für den noch mehrjährigen Hochlauf einer wettbewerbsfähigen grünen Wasserstoffökonomie sehr relevant sein, um flexibel auf technische und regulatorische Änderungen reagieren zu können. Zentral werden dabei Fähigkeiten zur Problemlösung und zum eigenständigen Erschließen von Wissensquellen sein, um die individuellen Fähigkeiten der fortschreitenden Entwicklung anpassen zu können.

Darin unterscheidet sich die Wasserstoffökonomie nicht von anderen Industrien. Derartige Fähigkeiten lassen sich insbesondere in Lehr-Lern-Settings entwickeln und erproben, die durch Innovationsbezüge, Gruppenarbeit und Interaktion gekennzeichnet sind, da auf diese Weise neben dem Erwerb von aktuellem Fachwissen auch die zur Problemlösung notwendige Interaktion und der „systemische“ Blick“ gefördert werden.

Was in der akademischen Aus- und Weiterbildung oftmals schon geübte Praxis ist und in den Laboren auch zum Thema Wasserstoff als projektbasiertes Lernen angeboten wird, muss ebenso der beruflichen Aus- und Weiterbildung ermöglicht werden.

Wenn es dabei gegenwärtig noch an industriellen Anwendungen mangelt, müssen Universitäten und Forschungseinrichtungen die Türen ihrer Labore auch für nichtakademische Fachkräfte öffnen. Auf diese Weise können die zum Lernen notwendigen, aber aufwendigen Installationen doppelt genutzt werden, bis sich ein breiter Arbeitsmarkt für Wasserstoff-Fachkräfte entwickelt. Dass ein solcher entsteht, ist absehbar: Prognosen erwarten bis zu 800 000 Arbeitsplätze, die im Jahr 2050 in Deutschland direkt und indirekt in der grünen Wasserstoffwirtschaft tätig sein werden.

Auch interessant

Kommentare