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Der letzte Soldat in Afghanistan. Der Truppenabzug hat massive und langfristige Folgen für die humanitäre Situation der Menschen dort.
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Der letzte Soldat in Afghanistan. Der Truppenabzug hat massive und langfristige Folgen für die humanitäre Situation der Menschen dort.

Gastbeitrag

Was uns Afghanistan lehrt

Das Desaster am Hindukusch zeigt: Künftig muss Prävention vor Intervention stehen. Der Gastbeitrag von Chris Hartmann.

Zwei Jahrzehnte nach dem 11. September 2001 endet die militärische Intervention der Nato-Truppen in Afghanistan in einem beschämenden Chaos. Die beteiligten Staaten haben sich ohne jegliche Überlegung und nachhaltige Strategie aus dem Staub gemacht. Das Projekt eines militärisch gestützten Staatsaufbaus ist gescheitert. Die Gründe hierfür sind vielfältig und kulminieren in einem Truppenabzug, der einer Flucht gleicht und nicht einem überlegten Abschluss des Einsatzes.

Ein entscheidender Fehler der Allianz war der Irrglaube, dass man andere Staaten nach westlichem Vorbild formen könne, ohne die bestehenden Macht- und Sozialstrukturen sowie die Geschichte eines Landes zu berücksichtigen. Militärische Strukturen und Organe sind weder ausgerüstet noch ausgebildet, um sich effektiv an zivilen Aufgaben wie der Förderung einer nationalen Identität, der Bildung politischer Institutionen oder der Einführung demokratischer Praktiken der Rechenschaftspflicht und Gewaltenteilung zu beteiligen. Die Förderung von Stabilität ist etwas anderes als die Förderung von Demokratie – Stabilität kann es auch unter undemokratischen Regierungen geben.

Falsche politische Struktur aufgedrückt

Der institutionelle Aufbau wurde zu stark auf ein zentralisiertes Präsidialsystem ausgerichtet, zugeschnitten auf die Person des afghanischen Präsidenten. Die Sicherstellung einer demokratischen Gewaltenteilung wurde hierbei ebenso vernachlässigt wie die ausreichende Stärkung untergeordneter Ebenen wie den Provinzverwaltungen und Schuras (Gemeinderäte), die für die Menschen die ersten Ansprechpartner sind.

Es entstand ein Patronage-System mit mafiösen Strukturen, von dem eine kleine politische Elite, ehemalige Mudschaheddin und Warlords und Kriminelle profitierten. Zusagen der afghanischen Regierung für eine besseren Korruptionsbekämpfung und Regierungsführung der letzten Jahre blieben Lippenbekenntnisse.

Die verbreitete Meinung, dass die Afghan*innen keine Demokratie wollten, verkennt die Stimmung im Land und den Einsatz afghanischer Menschenrechtsorganisationen - was die Menschen abgelehnt haben, war eine aufoktroyierte elitäre Scheindemokratie, in der ihre Stimme nichts zu zählen schien.

Abkommen nur zwischen USA und Taliban

In Verbindung mit den zum Scheitern verurteilten Verhandlungen und dem unüberlegten militärischen Rückzug war der Systemzusammenbruch vorprogrammiert. Das durch den damaligen US-Präsidenten Donald Trump kurzsichtig auf den Weg gebrachte Doha-Abkommen im Februar 2020 wurde ausschließlich zwischen den USA und den Taliban ausgehandelt.

Die afghanische Regierung wurde nicht beteiligt, durfte dafür aber die Folgen der Vereinbarungen tragen. So schließt sich der Kreis: die planlose Terrorbekämpfung des Westens führte zu massiven humanitären und menschenrechtlichen Konsequenzen und einem Kalifat, das man eigentlich bekämpfen wollte.

Der Autor

Chris Hartmann arbeitet als Referent für Humanitäre Hilfe beim Kinderhilfswerk „Terre des Hommes“ und ist Ansprechpartner für die (derzeit nicht aktiven) Projekte in Afghanistan.

Die anhaltende Realitätsverweigerung und Selbsttäuschung des Westens zeigt sich darin, dass US-Präsident Joe Biden die von den Nato-Mächten ausgebildeten Sicherheitskräfte und die durch die USA protegierte und an die Macht gebrachte afghanische Regierung für die Machtübernahme der Taliban verantwortlich machte und gipfelt in der Bezeichnung des US-Evakuierungseinsatzes als „außergewöhnlichem Erfolg“.

Der Truppenabzug hat massive und langfristige Folgen für die humanitäre Situation der Menschen in Afghanistan. Darüber hinaus hat die Antiterror-Politik seit dem 11. September 2001 das humanitäre System als solches stark beschädigt.

Humanitäre Hilfe als Instrument betrachtet

Seitdem stehen die humanitären Prinzipien der Unabhängigkeit, Neutralität und Unparteilichkeit unter ständigem Druck, da politische Entscheidungsträger*innen humanitäre Hilfe als ein „Instrument“ im Antiterrorkampf betrachten. Dies verwischt die Linien zwischen Militär und humanitären Akteuren. Letztere werden von der Bevölkerung als parteiisch wahrgenommen, was ihren Handlungsspielraum deutlich einschränkt. Diese Tendenzen haben sich seit dem 11. September massiv verstärkt.

Humanitäre „Hilfsmaßnahmen“ durch das Militär folgen einem militärischen und geopolitischen Ziel und sind daher niemals neutral. Sanktionen und Antiterrorgesetze schränken die Arbeit ziviler humanitärer Akteure immer wieder massiv ein. Humanitäre Hilfe hingegen muss ihr eigenständiges Potenzial für die Schaffung struktureller Transformationsprozesse entfalten können. Dafür brauchen wir eine konsequente Umorientierung von einer reaktiven, militärisch dominierten Interventionslogik hin zu nicht-militärischen Präventionsmaßnahmen und der Förderung lokaler zivilgesellschaftlicher Strukturen. (Chris Hartmann)

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