Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Eine Heizungsanlage in einem Haus. Die Gaspreise haben sich im letzten Jahr vervierfacht.
+
Eine Heizungsanlage in einem Haus. Die Gaspreise haben sich im letzten Jahr vervierfacht.

Gastbeitrag

Vergessen wir unsere Häuser nicht

Bei den Beratungen zum Klimaschutz unterschlagen die Ampel-Parteien einen der relevantesten Bereiche: die Gebäude. Ein Gastbeitrag von Jan Peter Hinrichs.

In Deutschland gibt es rund 18 Millionen Wohngebäude und drei Millionen Nichtwohngebäude. Kaum etwas ist allgegenwärtiger in unserer Gesellschaft als das Haus. Lage und Zustand entscheiden darüber, wie es uns, den Menschen, die darin leben, geht und wo wir im Leben stehen. Gerade auch deshalb tragen Gebäude einen erheblichen Anteil zur Emissionsbilanz bei.

Die zu Papier gebrachten Absichten der Koalitionäre erwecken jedoch den Eindruck, dass unser Gebäudebestand bei der Klimaschutzfrage keine tragende Rolle spielt. Er ist hingegen für 30 Prozent der direkten und indirekten CO2-Emissionen verantwortlich. Der Gebäudesektor hat als einziger Bereich 2020 die Einsparziele verfehlt.

Die Deutschen lieben ihre Autos, klar. Das spiegelt sich auch im Handeln der Volksvertreter wider. Lieben wir denn auch gleichermaßen unsere Häuser? Es ist wohl eher so: „Beziehungsstatus: kompliziert“.

Wohnen ist, so hört man es häufig, die soziale Frage unserer Dekade. Doch unsere Politiker fremdeln mit unseren Häusern, so mein Eindruck. Zugegeben, das Gebäude passt nur schlecht in die Schubladen der Ministerien. Das Thema Bauen und Wohnen wird seit vielen Legislaturperioden wie ein ungeliebter Wanderpokal hin und her gereicht. Dabei sind unsere Gebäude größtenteils nicht klimakompatibel. Warum hat das eigentlich keiner auf dem Schirm?

Erstens: Es gibt kein Bewusstsein in der Bevölkerung, dass der Gebäudebestand ein Klima-Sorgenkind ist. Eine repräsentative Umfrage zu Beginn des Bundestagswahlkampfes zeigte, dass die Deutschen kaum Energieeinsparpotenzial bei den Gebäuden sehen. Der Sektor landete abgeschlagen auf dem letzten Platz – ganz entgegen der reellen Zahlenlage.

Zweitens: Maßnahmen der Energieeffizienz im Gebäude passen nicht in die Logik politischer Erfolgsbilanzen. Sie sind ein Marathon, kein Sprint. Und es gibt sie auch nicht geschenkt. Trotz alledem sind sie finanziell richtig lohnenswert. In einer Untersuchung von mehr als 150 000 Objekten auf der Plattform Immobilienscout24 in 2020/2021 erzielten die klimaschutzfitten Häuser durchschnittlich 23 Prozent höhere Marktpreise.

Das Deutsche Energieberater-Netzwerk, der führende Verbund zertifizierter Experten der Branche, klagte vor kurzem an, die Bundesregierung habe es bisher versäumt, die richtigen Schwerpunkte bei der Gebäudeenergieeffizienz zu setzen. Zentraler Kritikpunkt: Es müsse erst einmal ausreichend dafür gesorgt werden, dass die Energie im Gebäude bleibt. Auch der Blick in die Zukunft fällt skeptisch aus. Nicht mal mehr ein Drittel der Befragten können sich noch vorstellen, dass die Klimaneutralität im Gebäudesektor bis 2045 noch erreicht wird.

Der Sündenfall sind die sogenannten Worst performance buildings. 31 Prozent der Wohngebäude befinden sich in den schlechtesten Effizienzklassen und verursachen die Hälfte aller Emissionen. Dass es sie noch in einem nennenswerten Umfang gibt, ist allen irgendwie peinlich. Hier hätte die neue Regierung, die Gelegenheit konsequent durchzugreifen. Das Ordnungsrecht bietet in Form von Sanierungsgeboten und Vermietungsverboten geeignete Mittel.

Die Gaspreise haben sich im letzten Jahr vervierfacht, damit sind wir jetzt schon auf dem prognostizierten Preisniveau von 2030. Die extremen Schwankungen des Energiemarkts hinterlassen ihre Wunden. Die Lehre muss sein, dass wir uns endlich davon unabhängig machen sollten. Durchgerechnet ist die Sache übrigens schon: Wenn die energetische Sanierungsrate um zwei Prozent steigt, reduziert sich der Gasbedarf um 40 Prozent bei den Gebäuden bis ins Jahr 2030.

Beim Thema Gas steht uns übrigens noch ein großes gesellschaftliches Problem ins Haus, vor dem die Sozialwissenschaft schon länger warnt: der sogenannten Energiearmut. Der arme Teil unserer Gesellschaft kann die steigenden Energiekosten nicht mehr bewältigen.

Ich wüsste nun zu gern, wie es Ihnen geht, wenn Sie von der Energiearmut lesen. Ich sage Ihnen ganz offen, was ich denke: Dass uns der Klimaschutz unseren Wohlstand nimmt, halte ich angesichts dieser Entwicklung für ein wenig absurd. Wir sollten umgekehrt erkennen, wie wir die Schwächsten unserer Gesellschaft schützen und damit vielleicht noch etwas fürs Klima tun. Das heißt: Vergessen wir unsere Häuser, vergessen wir auch die Menschen, die darin leben.

Jan Peter Hinrichs ist Geschäftsführer des Bundesverbands energieeffiziente Gebäudehülle e. V.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare