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Ungleiches ungleich behandeln

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Die Lernbedingungen für die Schülerinnen und Schüler sind auch mit Blick auf die Digitalisierung sehr ungleich.
Die Lernbedingungen für die Schülerinnen und Schüler sind auch mit Blick auf die Digitalisierung sehr ungleich. © Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Bund und Länder verstärken mit dem Digitalpakt die soziale Spaltung an Schulen. Sie müssen nachbessern. Der Gastbeitrag von GEW-Vorständin Anja Bensinger-Stolze.

Der Digitalisierungsschub während der Corona-Pandemie hat die soziale Spaltung an den Schulen teilweise verstärkt. Das zeigt die Studie „Die Umsetzung des Digitalpakts Schule 2022“, die die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) jüngst veröffentlicht hat.

Dieser Befund ist erschreckend und fatal. Er erfordert, dass wir uns zwei zentrale Fragen stellen. Erstens: Warum und wie ist es zu diesem unerwünschten Effekt gekommen? Zweitens: Wie muss der Digitalpakt 2.0 ausgestaltet sein, damit diese Entwicklung nicht noch weiter beschleunigt wird? Denn klar ist: Ein „Weiter so“ bei der Digitalisierung darf es nicht geben. Die Politik muss dringend um- und nachsteuern.

Die qualitative Untersuchung des Studienleiters Michael Wrase, Universität Hildesheim und Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, arbeitet einige Gründe für die unzureichende Umsetzung des Digitalpakts Schule heraus. Grundsätzlich sind die Bundesinvestitionen, die über den Digitalpakt laufen, der richtige Weg, um die digitale Infrastruktur der Schulen weiterzuentwickeln.

Die Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Digitalpakts führen aber dazu, dass die Mittel nicht immer bedarfsgerecht verteilt worden sind. Dafür gibt es mehrere Gründe: Teilweise sind die Abstimmungsprozesse zwischen den Verwaltungsebenen nicht transparent. Es gibt ein undurchsichtiges Geflecht zwischen den Verantwortlichkeiten auf Bundes- und Landesebene, den Kommunen als Schulträgern bis hinunter zur Einzelschule.

Die Folge: Die Schulen erhalten zu wenig Unterstützung, um gute Medienkonzepte zu entwickeln. Erschwerend kommt der – gerade an Grundschulen dramatische – Fachkräftemangel in den Bereichen Pädagogik, IT und Verwaltung hinzu. Den Schulen fehlen schlichtweg die personellen Kapazitäten für pädagogisch sinnvolle Digitalstrategien und deren Umsetzung vor Ort.

Gleichzeitig sind die IT-Support- und -Wartungsstrukturen an den Schulen, für die die Schulträger verantwortlich sind, nicht ausreichend. Die Lehrkräfte sind keine IT-Experten und -Administratoren, sie können keine stabile Digitalstruktur vor Ort implementieren – zumal sie dies on top zu ihren Kernaufgaben, Lehr- und Lernprozesse zu gestalten, leisten müssten.

Zu guter Letzt fehlt das Prozessmonitoring. Geplant war, jedes Jahr einen Bericht vorzulegen, um Fehlsteuerungen schnell korrigieren zu können. Weder das Bundesbildungsministerium noch die Landesregierungen haben jedoch bisher ein transparentes Monitoring zum Digitalpakt veröffentlicht.

Die Folgen sind gravierend: Die Lernbedingungen für die Schülerinnen und Schüler sind auch mit Blick auf die Digitalisierung sehr ungleich. Eine nachhaltige und sozial gerechtere Digitalisierung setzt voraus, dass die Schulen ihren Bedarfen entsprechend mit Mitteln ausgestattet werden. Bisher sind die Schulen vor Ort nicht ausreichend unterstützt worden. Es gibt gut ausgestattete Vorreiterschulen, insbesondere Gymnasien, aber eben auch viele Schulen, die hinter der Musik herlaufen (müssen) und aktuell immer weiter abgehängt werden.

Was sollte jetzt möglichst schnell passieren? Ein Digitalpakt 2.0 muss vor allem die finanzschwächeren Kommunen zielgerichtet unterstützen. Ungleiches muss ungleich behandelt werden: Wenn die Mittel aus dem Digitalpakt 2.0 verteilt werden, müssen diese insbesondere an die bisher benachteiligten Schulen fließen.

Die Länder haben die Aufgabe, dafür die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Förderung muss in eine solide und transparente Rahmenstruktur eingebettet sein. Damit die Digitalisierung an den Schulen für mehr Chancengleichheit der Kinder und Jugendlichen sorgen kann, sind sechs Punkte zentral:

Transparentes Monitoring, das auch soziale Indikatoren berücksichtigt. Stärkung der digitalen Schulentwicklungsprozesse durch mehr zeitliche, finanzielle und fachliche Ressourcen. Entwicklung von IT-Support- und -Wartungsstrukturen vor Ort. Erhöhung und Verbesserung der Ausbildungskapazitäten, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Gezielte Förderung finanzschwacher Kommunen. Umfassende (Zwischen-)Evaluation des Digitalpakts.

Die Politik muss sich bewegen, denn die aktuelle Umsetzungspraxis des Digitalpakts gefährdet die Chancengleichheit in den Schulen, verstärkt die soziale Kluft zwischen den Schülerinnen und Schülern und erinnert obendrein an einen Flickenteppich. Die Bildung der Kinder und Jugendlichen darf aber weder von der Finanzlage einzelner Kommunen noch von einer zufälligen Digitalisierungsaffinität einzelner Lehrkräfte abhängig sein. Hier ist auch der Bund gefordert.

Anja Bensinger-Stolze ist Vorstandsmitglied Schule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

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