Lesenkönnen ist der Schlüssel zur Welt.
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Gastbeitrag

Teilhabe braucht Grundbildung

  • vonErnst Dieter Rossmann
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Analphabetismus darf kein Stiefkind der Bildungspolitik sein. Die Mittel müssen verdoppelt werden, um den Betroffenen besser helfen zu können.

Alphabetisierung und Grundbildung sind als Thema nicht sexy. Dahinter versammeln sich keine Wählerstimmen und deshalb stehen dafür auch keine Milliarden bereit. Dabei können nach umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchungen 6,2 Millionen zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland nicht ausreichend lesen und schreiben.

Sie können keine normalen Texte verarbeiten oder E-Mails schreiben, Gebrauchsanweisungen lesen, Fahrkarten lösen, oder online shoppen. Vor allen Dingen reduziert dieses Handicap die soziale Teilhabe. Rund 60 Prozent dieser Menschen stehen in einem Arbeitsverhältnis und leben in einer Familie. Sie haben dennoch deutlich weniger Kontakte, bekommen weniger Einladungen, sind überwiegend nicht in Vereinen oder Organisationen eingebunden und sind weniger mit anderen aktiv. Für die Betroffenen verschwindet die fehlende Grundbildung in Scham und sozialem Verschweigen.

Die Betroffenen haben dabei keine Lobby. Kein Elternbeirat, keine Bürgerinitiative, keine Gewerkschaft ruft nachdrücklich zum Protest auf wegen fehlender Bildungschancen oder stellt notwendige und klare Forderungen. Der internationale Tag der Alphabetisierung am 8. September dringt in der Öffentlichkeit nicht durch. Im Nationalen Bildungsbericht 2020 in Deutschland hat die fehlende Grundbildung noch immer kein eigenes Kapital mit einer differenzierten Darstellung und zielführenden Empfehlungen bekommen.

Dabei haben sich Bund und Länder mit 17 anderen Partnern aus Wirtschaft, Verbänden und Kirchen 2016 in Deutschland auf den Weg gemacht und eine „Alpha-Dekade“ ausgerufen. Lernangebote sollen damit deutschlandweit besser zugänglich gemacht und die Lehrenden verstärkt in den Blick genommen und professionalisiert werden.

Die gezielte Ausbildung von Grundbildungskräften soll raus aus der Nische an den Hochschulen. Die ortsnahen Strukturen im Bereich der Grundbildung sind auszubauen. Aktuell sind es nur 0,7 Prozent der Betroffenen, die an formalen Lernkursen von Volkshochschulen und anderen Trägern teilnehmen. Denn längst nicht alle der 401 kreisfreien Städte und Landkreise betreiben ein Grundbildungszentrum, in dem die Beratung und Begleitung aus einer Hand angeboten wird. Aktuell sind es nicht einmal ein Fünftel. Dabei ist es für Menschen mit geringer Literalität und ihren sozialen und Bildungsängsten wichtig, sich nicht immer wieder neu erklären zu müssen. Eine ortsnahe Anlaufstelle für alles rund um die Grundbildung muss zum Standard werden.

Barrierefreiheit und Lebensnähe sind Leitplanken für diese Strategie. Deshalb stehen in der Alpha-Dekade auch die arbeitsplatz- und die lebensweltorientierte Grundbildung im Fokus. Die Grundbildungsprogramme müssen die gesamte Familie in den Blick nehmen und dort wirken, wo persönliche Bedarfe anzutreffen sind.

Die 540 Mehrgenerationenhäuser in Deutschland sollten genauso mit einbezogen werden, wie es einen neuen Fokus auf eine gesundheitsorientierte Grundbildung geben muss, deren grundsätzliche Bedeutung in der Corona–Krise offensichtlich geworden ist. In der Allianz für Aus- und Weiterbildung müssen die rund 800 000 Menschen, die auch wegen ihrer Illiteralität noch ohne Arbeit sind, im Zentrum der Förderung stehen.

Es ist mehr als nichts, aber nicht sehr viel, wenn der Bund für die Alpha-Dekade 180 Millionen Euro bereitstellt und mindestens das Gleiche von den 16 Bundesländern erwartet. Trotzdem: Für die zweite Hälfte der Dekade für Alphabetisierung sollte eine Verdopplung der Mittel das Ziel sein. Denn Grundbildung ist auch eine lohnende Investition für die Betroffenen selbst und für die Gesellschaft.

Deshalb sollte es bei der 2021 anstehenden Halbzeitbilanz der Alpha-Dekade auch nicht nur um eine Überprüfung der Reichweite und Wirksamkeit der bisherigen Konzepte gehen. Jetzt ist der Zeitpunkt für neue Perspektiven und mehr Dynamik in der Grundbildung. Das verlangt der Respekt gegenüber den mehr als sechs Millionen Betroffenen und ihrem Grundrecht auf gesellschaftliche Teilhabe. Denn Lesen & Schreiben – und hier hat die offizielle Kampagne der Bundesregierung einen guten Namen gefunden – sind tatsächlich für die Betroffenen ein Schlüssel zur Welt.

Ulrike Bahr ist SPD-Bundestagsabgeordnete. Ernst Dieter Rossmann ist SPD-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Ausschusses für Bildung.

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