Gastbeitrag

Stärkt Alleinerziehende

Wir müssen den Begriff der Familie so definieren, dass er allen Formen gerecht wird. Erst dann können wir alle angemessen unterstützen.

Es sind 1,5 Millionen in Deutschland. Jedes Jahr kommen 300 000 neu dazu. Neun von zehn sind Frauen. Und es geht um jede fünfte Familie. Das klingt nach einem Massenphänomen. Zumindest sind Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern keine Randerscheinung. Aber sie werden vielfach so behandelt – und übersehen. Sie leisten viel und doch sind sie und ihre Kinder überdurchschnittlich von Armut bedroht. Das dürfen wir nicht zulassen.

Alleinerziehende leisten viel. Sie schmeißen den Haushalt, wechseln Windeln, helfen bei Schulaufgaben, gehen parallel einer Erwerbsarbeit nach – und sind Fels in der Brandung. Als Heldinnen unserer Zeit – in den allermeisten Fällen sind es ja die Mütter – sollten wir sie betrachten. Stattdessen schauen wir ihnen beim täglichen Rotieren zu, und manche sehen in ihnen sogar unvollständige Familien.

Unvollständig ist nicht die Familienform der Ein-Eltern-Familie, sondern es sind die Rahmenbedingungen, auf die sie trifft. Weil Alleinerziehenden die Anerkennung und Unterstützung verweigert wird, die sie verdienen. Weil sie oft mit weniger als dem Nötigsten abgespeist werden.

Die Mehrzahl der Alleinerziehenden meistert ihren Alltag mit Bravour. Die gesellschaftliche Schieflage bleibt. Sie bestand lange vor der Corona-Krise. Der Paritätische Armutsbericht 2019 zeigt: Das Armutsrisiko von Alleinerziehenden ist viermal so hoch wie das der meisten Paare mit Kindern. Die Familie allein finanziell abzusichern, ist eine Herausforderung. Trotz Erwerbstätigkeit kann eine kaputte Waschmaschine das Budget sprengen. Geld für einen Urlaub bleibt oft nicht übrig. Alleinerziehende sind öfter arm. Armut schafft Ungerechtigkeit und verbaut die Zukunftschancen der Alleinerziehenden und ihrer Kinder.

Wir müssen an die Wurzel des Problems herangehen. Das ist nicht die Familienform „Alleinerziehend“. Die Wurzel ist, dass wir ein Unterstützungssystem haben, dass fast nur die Konstellation Vater-Mutter-Kind(er) als Familie betrachtet. Der Begriff „Familie“ wird viel zu häufig konservativ interpretiert und Alleinerziehende, getrennt Erziehende, Patchwork-Familien, Regenbogenfamilien und alle anderen Familienformen fallen regelmäßig durch das Raster. Es liegt an uns, den Begriff so zu definieren, dass er die Realitäten aller Familienformen abbildet. Familie ist überall da, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen.

Das Ehegattensplitting durch eine individuelle Besteuerung zu ersetzen und die Steuerklasse V abzuschaffen, wären logische Konsequenzen. Wenn wir eine demokratische, auf die Teilhabe aller ausgerichtete Gesellschaft sein wollen, müssen wir diese Hürden nehmen.

Kinder allein erziehen ist auch ein Frauenthema. Für viele Alleinerziehende bedeutet das, dass ihnen auf dem Arbeitsmarkt zusätzliche Steine im Weg liegen. Dazu gehören die schlechte Bezahlung in Berufen mit hohem Frauenanteil, die Teilzeit- und Minijobfalle, die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen.

All das erschwert es, allein für das Auskommen einer Familie zu sorgen. Und obwohl Alleinerziehende oft in größerem Umfang erwerbstätig sind als andere Mütter, sind sie häufiger auf staatliche Unterstützung angewiesen. Alleinerziehende sollen selbstbestimmt leben und ihre Potenziale entfalten können. Dafür müssen noch Schritte in Richtung Gleichberechtigung von Männern und Frauen getan werden.

Unterm Strich müssen wir vor allem das Wohl der Kinder stärker in den Blick nehmen. Artikel 6 des Grundgesetzes enthält bisher nur Aussagen über Kinder, aber keine für Kinder. Deswegen streite ich dafür, Kinderrechte in unserer Verfassung zu verankern. Müssten wir bei politischen Entscheidungen auch den „besonderen Schutz“ von Kindern berücksichtigen, wäre automatisch auch mehr für Eltern gewonnen.

Wer Kinderrechte ernst nimmt, schützt Kinder vor Gewalt und beteiligt sie an Entscheidungen. Wer Kinderrechte ernst nimmt, muss aber auch dafür sorgen, dass es genügend gute Betreuungsmöglichkeiten gibt, dass Kinder gefördert werden und Eltern berufstätig sein können. Wer Kinderrechte ernst nimmt, schützt Kinder vor Armut. Das beinhaltet, dass auch Eltern vor Armut geschützt werden. Eine grundlegende Reform des Unterstützungssystems ist dabei unausweichlich.

Mit einer Kindergrundsicherung könnten wir gewährleisten, dass faire Chancen auf einen guten Start ins Leben nicht länger vom Einkommen der Eltern abhängen. Alleinerziehende wären entlastet – finanziell und psychologisch. Sie müssten nicht mehr um Sozialleistungen für ihre Kinder anstehen. Und wir würden ihnen nicht mehr beim Rotieren zusehen und ihnen zugleich das Gefühl vermitteln, dass wir sie und ihre Kinder mit weniger als dem Nötigsten abspeisen.

Charlotte Schneidewind-Hartnagel ist Grünen-Bundestagsabgeordnete und Mitglied im Familienausschuss.

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