Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

17 humanitären Helfer*innen wurden 2006 in der Stadt Muttur auf Sri Lanka ermordet. Sie war dort, um Menschen zu helfen, die durch den Tsunami und den Bürgerkrieg alles verloren hatten – so wie  wie Mohammad Niyas, der vor den Trümmern seines Hauses steht.
+
17 humanitären Helfer*innen wurden 2006 in der Stadt Muttur auf Sri Lanka ermordet. Sie waren dort, um Menschen zu helfen, die durch Tsunami und Bürgerkrieg alles verloren hatten – so wie wie Mohammad Niyas, der vor den Trümmern seines Hauses steht.

Gastbeitrag

Sicherheit ist nicht verhandelbar

Humanitäre Hilfe in der Welt zu leisten, wird immer gefährlicher. Das muss sich ändern. Ein Gastbeitrag von Jan Sebastian Friedrich-Rust von der Organisation „Aktion gegen den Hunger“.

Der Bedarf an humanitärer Hilfe ist so hoch wie nie. Die Vereinten Nationen schätzen, dass in diesem Jahr 235 Millionen Menschen Hilfe benötigen. Das ist ein Anstieg um 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Welt steht am Rande einer Hungerpandemie: Bis zu 811 Millionen Menschen weltweit leiden an Hunger, einer von drei Menschen kann sich nicht ausreichend oder gesund ernähren. Gewaltsame Konflikte, die Folgen der Klimakrise und soziale Ungleichheit sind die zentralen Ursachen. Die Pandemie verschärft die Lage zusätzlich, insbesondere bei den Ärmsten der Welt.

Gleichzeitig werden weltweit die Möglichkeiten, lebensrettende Hilfe zu leisten, massiv eingeschränkt. Kriegs- und Konfliktparteien missachten das humanitäre Völkerrecht und instrumentalisieren die humanitäre Hilfe. Der humanitäre Raum wird immer enger. Es trifft die Menschen in Not – und die Menschen, die helfen wollen. Seit Beginn des Jahres wurden 231 Mitarbeitende von humanitären Organisationen getötet, verletzt oder entführt. Im Jahr zuvor waren es 706. Es sind vor allem Mitarbeitende aus den Ländern selbst. Für humanitäre Organisationen wie Aktion gegen den Hunger, die sich an den humanitären Grundsätzen Unparteilichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit orientieren, sind diese Entwicklungen extrem beunruhigend. Und es betrifft uns unmittelbar.

Gerade erst jährte sich der 15. Jahrestag der Ermordung von 17 humanitären Helfer*innen von Aktion gegen den Hunger in der Stadt Muttur in Sri Lanka. Sie wurden getötet, als sie die Betroffenen des Tsunamis und des Bürgerkrieges unterstützten. Dieser Angriff ist ein Kriegsverbrechen. Die Genfer Konventionen besagen, dass Personen, die in einem Krieg oder in einem bewaffneten Konflikt nicht an Kampfhandlungen teilnehmen, geschützt werden müssen. Das gilt genauso für die Zivilbevölkerung wie für humanitäre Einsatzkräfte. Bis heute hat keine der Regierungen Sri Lankas dazu beigetragen, den Vorfall aufzuklären oder sich für Opfer und Angehörigen einzusetzen. Sri Lanka verleugnet dieses Verbrechen, obwohl zahlreiche internationale Gremien wie beispielsweise der UN-Menschenrechtsrat bestätigen, dass sri-lankische Sicherheitskräfte beteiligt waren.

Leider ist das Massaker von Muttur kein Einzelfall: Vor zwei Jahren wurden fünf Mitarbeitende von Aktion gegen den Hunger getötet, eine Mitarbeiterin, Grace Taku, wurde entführt und ist noch immer in Gefangenschaft. Im Juli 2021 wurden drei Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen in Tigray, Äthiopien, brutal getötet. Afghanistan führt in diesem Jahr die Liste der besonders gefährlichen Länder für Helfende an, und das bereits, bevor die Lage eskalierte. Es lässt sich nur erahnen, welche Folgen die aktuelle Situation in Afghanistan haben wird. Insbesondere für diejenigen, die aus dem Land selbst kommen.

Der UN-Sicherheitsrat ist nicht in der Lage, adäquat auf diese Missstände zu reagieren. Aus Sicht vieler humanitärer Organisationen ist es dringend notwendig, dass Blockaden und Untätigkeit im Sicherheitsrat aufhören, denn sie gefährden Menschen in Not und humanitäre Mitarbeitende. Es gibt Konflikte, über die seit Jahren diskutiert wird, ohne dass konkret etwas passiert, um den humanitären Raum zu schützen. Der Sicherheitsrat hat bahnbrechende Resolutionen verabschiedet, wie zum Beispiel die Resolution 2417, die den Zusammenhang zwischen Hunger und Konflikt anerkennt und Hunger als Kriegswaffe verurteilt. Konfliktparteien müssen beim Verstoß jedoch keine Sanktionen fürchten – eine reale Umsetzung der Resolution mit konkreten Maßnahmen lässt bisher auf sich warten. Das untergräbt die Glaubwürdigkeit des Sicherheitsrats.

Hinzu kommt, dass Resolutionen verabschiedet werden, die nicht die Folgen für die humanitäre Hilfe berücksichtigen oder sogar verheerende Auswirkungen auf diese haben. Dies ist zum Beispiel bei Sanktionen und Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung der Fall. Unsere humanitären Prinzipien, unparteiische und bedarfsgerechte Hilfe zu leisten, werden beispielsweise dadurch untergraben, dass eine Überprüfung von Begünstigten gefordert wird. Solche Maßnahmen beeinträchtigen das Vertrauen der Menschen in die humanitäre Hilfe und werden somit auch zu einem Risiko für die Helfenden. Der Mangel an Kohärenz und entschlossenem Handeln des Sicherheitsrats ermutigt Staaten und Konfliktparteien, den humanitären Raum weiter einzuschränken und humanitäre Hilfe zu kriminalisieren und zu instrumentalisieren.

Besorgt sein reicht nicht. Wir müssen handeln. Wir müssen Angriffe auf humanitäre Mitarbeitende und Verletzungen des humanitären Raumes deutlich und klar verurteilen und dafür sorgen, dass strenge Sanktionen folgen. Denn Angriffe auf die Mitarbeitenden humanitärer Organisationen sind Angriffe auf die von ihnen geleistete Hilfe und auf all diejenigen, die sie dringend benötigen. Ihre Sicherheit ist nicht verhandelbar.

Jan Sebastian Friedrich-Rust ist Geschäftsführer der humanitären und entwicklungspolitischen Organisation Aktion gegen den Hunger.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare