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Selbstbestimmung statt Beschneidung

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Vorbereitung einer Beschneidung: „Für uns, deren Lebens- und Familiengeschichten von Antisemitismuserfahrungen geprägt sind, ist es unerträglich, wie der Schutz jüdischen Lebens zum Vorwand wurde für die Normalisierung einer weit über das Judentum hinaus verbreiteten Form patriarchaler Unterdrückung“, schreiben unsere Gastautoren.
Vorbereitung einer Beschneidung: „Für uns, deren Lebens- und Familiengeschichten von Antisemitismuserfahrungen geprägt sind, ist es unerträglich, wie der Schutz jüdischen Lebens zum Vorwand wurde für die Normalisierung einer weit über das Judentum hinaus verbreiteten Form patriarchaler Unterdrückung“, schreiben unsere Gastautoren. © Bea Kallos/dpa (Archiv/Symbolbild)

Die Politik hat vor zehn Jahren Kinder ans Messer geliefert, statt sie vor Gewalt zu schützen. Der Gastbeitrag.

Im Dezember 2022 waren es zehn Jahre, seit der Deutsche Bundestag das „Gesetz über den Umfang der Personensorge bei einer Beschneidung des männlichen Kindes“ beschlossen hat. Mit § 1631d wurde entgegen der klaren Empfehlung aller zuständigen pädiatrischen Fachverbände im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) eine neue Regelung geschaffen, die Eltern erlaubt, in das Abschneiden der Penisvorhaut ihres Kindes einzuwilligen – aus jeglichem Grund, ohne medizinische Notwendigkeit.

Statt Kinder vor Gewalt zu schützen, hat die Politik sie damit buchstäblich ans Messer geliefert. Als selbst nach jüdischem Brauch von diesem genitalen Zwangseingriff Betroffene macht uns das wütend, traurig und löst auch Ohnmachtsgefühle aus.

Wütend, weil seither dasselbe offensichtliche Unrecht gesetzlich legitimiert ist, das auch uns zugefügt wurde. Traurig, weil wir persönlich ein Leben lang darunter leiden und auch von anderen schon so viele Geschichten von Verletzung und Schmerz gehört haben. Ohnmachtsgefühle, weil dieses Leid Tag für Tag fortgesetzt wird.

Für uns, deren Lebens- und Familiengeschichten von Antisemitismuserfahrungen geprägt sind, ist es unerträglich, wie der Schutz jüdischen Lebens zum Vorwand wurde für die Normalisierung einer weit über das Judentum hinaus verbreiteten Form patriarchaler Unterdrückung. Die politisch Verantwortlichen sicherten sich damit den Beifall religiöser Führungspersonen, indem sie deren Ansprüche über die Grundrechte der Kinder stellten. Dabei verloren all jene die Deutungshoheit über ihre eigene jüdische Identität, die diese wie wir nicht über Religion oder verstümmelte Genitalien definieren, sondern über familiäre Herkunft, Sprache und Kultur.

Unser Engagement steht in der langen jüdischen Tradition des Strebens nach Selbstbestimmung. Absolutes Minimum dafür ist das Recht am eigenen Körper. Es ausgerechnet im Intimbereich zu missachten, ist eine besonders schwere Form der Entwürdigung.

Natürlich war dies nicht die bewusste Absicht unserer Eltern, als sie sich dazu entschieden, kurz nach unserer Geburt unsere Vorhaut abschneiden zu lassen. Sie erlagen den tradierten Mythen, mit denen dieser intime Körperteil bis heute abgewertet wird. Mythen, die wenig mit Wissenschaft und Fakten, dafür aber viel mit einem Männlichkeitsbild zu tun haben, das Überlegenheit und Leistung ohne Zulassen von Verletzlichkeit und Empfindsamkeit fordert, auch in der Sexualität.

Solange Gewalt in der männlichen Sozialisierung als normal hingenommen wird, werden Männer diese auch weiter reproduzieren und an anderen ausüben. Diese normalisierte Gewalt schadet uns allen und es ist Zeit, uns davon zu emanzipieren, hin zu einer neuen, gewaltfreien Norm.

Das Recht darauf gibt es längst, es fehlt nur die Umsetzung. Politisch gibt es dafür nur einen Weg: § 1631d BGB muss abgeschafft werden, er kann in einem freiheitlich-demokratischen Staat keinen Bestand haben. Wenn die damit zwangsläufig verbundene gesellschaftliche Auseinandersetzung schmerzhaft erscheint, sei an die Kinder erinnert. Sie allein zahlen bisher den Preis für den verdrängten Schmerz.

Damit Leitsätze wie „dein Körper gehört dir“ keine leeren Worte bleiben, brauchen Eltern Rückhalt bei der Entscheidung für die körperliche und weltanschauliche Selbstbestimmung ihrer Kinder und gegen den teilweise starken Druck aus ihrem Umfeld, einen genitalen Zwangseingriff zu veranlassen. Betroffene, die bisher aus Scham über ihre Verletzung und ihr Leid schweigen, benötigen geschützte Räume und professionelle Hilfsangebote, um mit ihren belastenden Erfahrungen nicht länger auf sich allein gestellt zu bleiben.

Zu dieser gemeinsamen Herausforderung gehört auch der offene Dialog mit den Religionsgemeinschaften. Ihre Mitglieder bei der Gewährleistung von Grundrechten in die Pflicht zu nehmen, bedeutet auch, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen, sie gleichwertig zu behandeln und ernst zu nehmen. Dazu möchten wir ermutigen, damit die 2012 hinterlassenen tiefen gesellschaftlichen Gräben endlich überwunden werden.

Eldad Stobezki ist in Frankfurt lebender israelischer Linguist und Literaturwissenschaftler und Mitglied von Intaktiv – eine Stimme für genitale Selbstbestimmung sowie MOGiS – eine Stimme für Betroffene.

Ephraim Seidenberg ist auch Mitglied von intaktiv und MOGiS.

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