Coronavirus - Waldenbuch
+
Sorgen und Nöte der Schüler*innen wurden einfach nicht gesehen.

Schule und Corona

Es fehlt Demokratie: Bedürfnisse von Schüler*innen in Corona-Krise übergangen

  • vonChrista Kaletsch
    schließen
  • Helmolt Rademacher
    schließen

In Corona-Zeiten ist digitales Lernen in den Mittelpunkt gerückt. Aber die Wertevermittlung gerät in Gefahr. Ein Gastbeitrag.

  • Schüler*innen wurden bei der Gestaltung des Unterrichts in der Corona-Krise übergangen
  • Digitales Lernen steht an erster Stelle, andere Themen rücken aus dem Sichtfeld
  • Die Zivilgesellschaft muss eine Demokratiebildung einfordern

Schülerinnen und Schüler, aber auch Kinder in Kitas werden in Corona-Zeiten kaum mit ihren Anliegen gehört und selten beteiligt. Kinder und Jugendliche waren und sind noch immer von den ergriffenen Maßnahmen massiv betroffen. In den Entscheidungsprozess, der den Lockdown in Deutschland einleitete, wurden sie nicht einbezogen und ihre Bedürfnisse schienen und scheinen nicht im Mittelpunkt der öffentlichen Auseinandersetzung zu stehen.

In einer bundesweiten Studie der Stiftungs-Universität Hildesheim und der Universität Frankfurt zu „Erfahrungen und Perspektiven von jungen Menschen während der Corona-Maßnahmen“ beklagen sich viele Befragte, dass es in dieser Zeit nur darum gegangen sei, Stoff zu lernen. Ihre Expertise und Lösungskompetenz sei nicht wahrgenommen und entsprechend abgerufen worden, und ihre Sorgen und Nöte wurden einfach nicht gesehen.

Die Studie verdeutlicht die Notwendigkeit, den Schüler*innen subjektorientierte Angebote zu machen, in denen sie sich als Mensch ganzheitlich wahr- und ernstgenommen fühlen können. Mit Bezug auf Grund-, Kinder- und Menschenrechte – die in Deutschland auch während der coronabedingten Einschränkungen weiter gelten – lassen sich Gelegenheitsräume öffnen, die Kinder und Jugendliche nach ihren Erfahrungen, Wünschen und Bedürfnissen zu fragen und ihnen damit ein Stück weit das Vertrauen in die Wertschätzung der zentralen Werte einer demokratischen Gesellschaft zurückzugeben.

Nach Corona: Dürfen Kinder in Zukunft bei der Gestaltung des Schulalltags mitreden?

Entscheidend ist, ob diese Räume gerade jetzt genutzt werden, um Kinder und Jugendliche in ihrer Expertise wahrzunehmen und sie an der Gestaltung ihres (Schul-)Alltags zu beteiligen – und ob ihnen zugetraut wird, dass sie Verantwortung übernehmen können. Eigentlich selbstverständliche Dinge, zu denen sie auf Grundlage der Kinderrechtskonvention, die seit Oktober 2018 auch in die hessische Landesverfassung aufgenommen und auch in der Schule in Krisenzeiten vollumfänglich weiter gilt, ein Recht haben. Dies droht aus dem Blick zu geraten, wenn Hygienevorschriften über die Köpfe der Schüler*innen hinweg angewiesen werden und der Schwerpunkt auf die Stoffvermittlung in Einzelsettings gelegt wird.

Aus all dem wird deutlich, dass die zur Verlangsamung der Pandemie getroffenen Maßnahmen eine Herausforderung für die Förderung eines demokratischen (Selbst-)Bewusstseins von Kindern und Jugendlichen darstellen. Einzelne Lehrkräfte haben das erkannt und auch schon während des Lockdowns begonnen, in digitalen und analogen Settings Gelegenheitsräume zu entwickeln, die die Schüler*innen aktiv einbinden und ihnen ermöglichen, Selbstvertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit (wieder) zu erlangen beziehungsweise sich als handlungskompetent und -fähig zu erleben.

Allerdings sind das eher Ausnahmen. Die zeitweise vollständige Umstellung auf digitales Lernen hat viel Energie gebunden und auch deutlich gemacht, dass Teilhabemöglichkeiten eng an Lebensbedingungen geknüpft sind. Um so notwendiger ist es nun für die Zukunft, über die Stoffvermittlung hinausgehende methodische Zugänge zu wählen, die den Schüler*innen eine größtmögliche Beteiligung bieten. Sie sollten gerade sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche, die die Schließung der Schulen massiv zu spüren bekommen haben, besonders fördern. Die Förderung sozialer und demokratischer Kompetenzen ist für die Zukunft unserer Gesellschaft unerlässlich.

Digitales Lernen in der Corona-Krise: Themen wie Rassismus rücken in den Hintergrund

Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, warum das hessische Kultusministerium sämtliche Fortbildungen mit Ausnahme derjenigen zum digitalen Lernen in die unterrichtsfreie Zeit, also auf die Stunden ab dem späten Nachmittag beziehungsweise den Samstag und Sonntag, verlegt hat. Anscheinend bewirkt die Corona-Pandemie, dass das digitale Lernen einen ganz hohen Stellenwert erfährt, während das Demokratielernen zu einem Schattendasein verkommen soll.

Dies stimmt uns bedenklich, da die unter dem Eindruck der Anschläge und Morde in Halle und Hanau entstandene Aufmerksamkeit für die Auseinandersetzung mit Rassismus und Antisemitismus wieder zu schwinden droht.

In Hessen haben sich 33 Organisationen in einem umfassenden Bündnis „Demokratiebildung nachhaltig gestalten“ zusammengeschlossen. Die Aufgabe der Zivilgesellschaft ist es, gerade nach der Corona-Krise die Notwendigkeit einer umfassenden Demokratiebildung immer wieder einzufordern und auf die langfristige Bereitstellung entsprechender zeitlicher und finanzieller Ressourcen zu drängen.

Christa Kaletsch ist eine der beiden Vorsitzenden beim hessischen Landesverband der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik (DeGeDe). 

Helmolt Rademacher ist ihr Co-Vorsitzender.

Mehr zum Thema

Kommentare