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Was sich bei der Zuwanderung ändern muss

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Die zugewanderten Menschen sind jünger als die Deutschen und deutlich mehr sind im erwerbsfähigen Alter.
Die zugewanderten Menschen sind jünger als die Deutschen und deutlich mehr sind im erwerbsfähigen Alter. © Frank Rumpenhorst/dpa

„Schneller, attraktiver, einfacher“: Mit diesem Motto wird Deutschland beim Thema Zuwanderung kein Entwicklungsland bleiben.

Während die Bevölkerung wächst, schrumpft die Zahl der Menschen mit deutschem Pass. Allein in den letzten acht Jahren ist die Zahl der Ausländerinnen und Ausländer um 4,4 Millionen auf 12,8 Millionen gestiegen. Dagegen sank die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner mit deutschem Pass um 1,1 Millionen auf 73,3 Millionen.

Die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen auch: Die zugewanderten Menschen sind jünger als die Deutschen und deutlich mehr sind im erwerbsfähigen Alter. Ohne Einwanderung wird Deutschland seinen Wohlstand nicht halten können. Das Wirtschaftswachstum wird deutlich sinken, prognostiziert die Bundesbank. Bis 2035 wird die Zahl der erwerbsfähigen Menschen um sieben Millionen zurückgehen, fast zwei Millionen Stellen sind bereits heute nicht besetzt.

Aus mehr Ausländerinnen und Ausländern sollen mehr Deutsche werden. Das ist das eine Ziel des neuen Einbürgerungsrechts. Das andere: Deutschland muss attraktiver werden für externe Fach- und Arbeitskräfte.

Der deutsche Pass ist für viele unattraktiv, das zeigen die bisherigen Greencard-Programme. Zu bürokratisch, zu hohe Hürden. Wer nicht fließend Deutsch spricht und über kein hohes und sicheres Einkommen verfügt, hat es bislang schwer, nach Deutschland zu kommen. In den Beliebtheitsrankings internationaler Expatriates – also Menschen, die ohne Einbürgerung in einem ihnen fremden Land oder einer ihnen fremden Kultur leben – belegt das Land einen der hinteren Plätze.

Dabei schafft Migration Wohlstand. Fast 40 Prozent der US-amerikanischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kommen aus dem Ausland, vor allem aus China und Indien. Fast die Hälfte der 500 erfolgreichsten Unternehmen wurde von eingewanderten Menschen gegründet. Das Potenzial für die Zukunft ist noch größer. Viele Branchen sind heute ohne ausländische Arbeitskräfte nicht mehr überlebensfähig.

Das Vorhaben der Bundesregierung, den Zugang zur deutschen Staatsbürgerschaft mit dem „Chancenaufenthaltsgesetz“ zu beschleunigen, ist notwendig, aber nicht ausreichend. Einbürgerung ist der wichtigste Schritt einer nachhaltigen sozialen und politischen Integration.

Daran gemessen ist Deutschland Entwicklungsland. Von rund elf Millionen Ausländer:innen, die aktuell in Deutschland leben, wurden zuletzt 131 600 Menschen eingebürgert – etwas mehr als ein Prozent. Damit liegt Deutschland weit unter EU-Durchschnitt (zwei Prozent).

Zum Motto einer neuen Einwanderungspolitik muss „schneller, attraktiver, einfacher“ werden. Erstens: Ausländische Berufsabschlüsse sollten von vornherein als gleichwertig gelten (es sei denn, es bestehen erhebliche, begründete Bedenken). Wer ein Arbeitsplatzangebot hat, soll nach Deutschland kommen können – unabhängig von Sprachkenntnissen.

Zweitens: Willkommenspolitik braucht eine Willkommensverwaltung. Aus Botschaften, Visabehörden und Ausländerbehörden werden Anwerbe- und Eiwanderungsberatungsagenturen, die auf Basis von Standards digital zusammenarbeiten.

Drittens braucht es einen neuen Mindset: Statt erschwert, sollte die Einwanderung von Arbeitskräften erleichtert werden. Wenn Mehrfachstaatsangehörigkeiten auch in Deutschland erlaubt wären, würde Einwanderung attraktiver, hat der Sachverständigenrat erst vor kurzem dargelegt.

In den USA werden Einbürgerungen oft am nationalen Unabhängigkeitstag gefeiert. Einbürgerungsfeiern sind hierzulande noch die Ausnahme und nicht die Regel. Die erste Feier fand 2009 im Bundeskanzleramt während der Kanzlerschaft von Angela Merkel statt.

Zu wenige sind ihr bislang gefolgt. Ein bundesweiter Tag der Einbürgerungen am 23. Mai könnte für viele Kommunen ein Ansporn sein. Nichts ist attraktiver als Aufstieg. Das hebräische Wort für Einwanderung heißt übersetzt „Aufstieg“. Spitzenpositionen und Führungskräfte mit migrantischem Hintergrund sind hierzulande noch die Ausnahme und nicht die Regel.

Je schneller wir über eine gut funktionierende Migrationspolitik, Integrationskultur und -verwaltung verfügen, umso besser. Länder und Kommunen brauchen mehr Befugnisse und Mittel im Integrationsbereich. Das gilt vor allem für Sprachförderung und Integrationskurse. In den Städten und Gemeinden entscheidet sich, ob aus Migration echte Integration und aus Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern wirklich Bürgerinnen und Bürger werden.

Integration gelingt fern der großen Ballungszentren in der Regel besser. Die beste Waffe gegen Identitätspolitik ist das Zulassen von mehreren Identitäten. In Zukunft werden mehrere Pässe normal sein. Der Doppelpass wird zum wichtigen Instrument gegen den demografischen Wandel.

Daniel Dettling leitet das Institut für Zukunftspolitik.

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