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Schmerz, Traumata – und keine Hilfe

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Von: Lukas Welz

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Unterkunft für Geflüchtete in Berlin: Es fehlen angemessene Zugänge zur psychosozialen Unterstützung.
Unterkunft für Geflüchtete in Berlin: Es fehlen angemessene Zugänge zur psychosozialen Unterstützung. © Jörg Carstensen/dpa

Der Bund will seinen Beitrag zur Finanzierung Psychosozialer Zentren reduzieren – trotz absehbar gravierender Folgen. Der Gastbeitrag.

Vier Monate sind seit dem russischen Angriff auf die Ukraine vergangen, das Morden, die Vergewaltigungen, Verschleppungen und Folter dauern an – Erfahrungen, die tiefgreifende Auswirkungen auf die seelische Gesundheit haben und Menschen ein Leben lang begleiten werden, oft auch über Generationen hinweg. Als solidarische Gesellschaft verpflichtet uns Humanität, den Menschen Schutz und Sicherheit zu gewähren und sie bei der Aufarbeitung der traumatisierenden Erfahrungen zu unterstützen.

Der Umgang mit den geflüchteten Menschen aus der Ukraine zeigt, wie eine gemeinsame europäische Asylpolitik aussehen kann: offene Grenzen, freie Wohnortwahl, Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt.

Die Bundesregierung hat zudem Möglichkeiten geschaffen, schutzsuchende Menschen aus der Ukraine schneller und besser in die Sozial- und Gesundheitsversorgung zu bringen. Seit dem 1. Juni 2022 werden sie mit Leistungen nach dem Hartz-IV-Satz und nicht nach dem Asylbewerberleistungsgesetz versorgt. Das bedeutet den gleichwertigen Zugang zum Gesundheitssystem und auch den Anspruch auf eine Psychotherapie.

Für Menschen, die nicht aus der Ukraine geflohen sind, gilt in Deutschland allerdings weiterhin das diskriminierende Asylbewerberleistungsgesetz. Es hindert Menschen daran, in Deutschland anzukommen, die Sprache zu lernen und ihr Leben aktiv zu gestalten.

Lukas Welz.
Lukas Welz. © Florian Krauß

So ist nur bei akuten Schmerzen eine Gesundheitsversorgung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz möglich. Die psychosoziale Unterstützung oder Therapie nach traumatisierenden Erfahrungen durch Krieg, Folter und Flucht zählt in der Regel aus Sicht der staatlichen Kostenträger nicht dazu.

In Deutschland fehlen somit angemessene Zugänge zur psychosozialen Unterstützung geflüchteter Menschen. Der neue Versorgungsbericht des Bundesverbandes der Psychosozialen Zentren (BAfF) mit Zahlen aus 2020 macht dies besonders deutlich. Die über 40 Psychosozialen Zentren in Deutschland konnten nur 4,6 Prozent des Versorgungsbedarfs geflüchteter Menschen abdecken und mussten fast 10 000 Menschen ablehnen, die aufgrund von Depressionen, Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen dringend einen Therapieplatz bräuchten. So werden Menschen mit Fluchterfahrung im deutschen Gesundheitssystem massiv benachteiligt.

Die Psychosozialen Zentren bieten mit ihrem spezialisierten Angebot für Menschen mit Flucht- und Foltererfahrungen den geeigneten Rahmen, um den vielfältigen Bedarfen der Betroffenen nach Therapie, Beratung und Begleitung zu begegnen. Ihre Finanzierung ist jedoch äußerst prekär. Im Jahr 2020 stammte der größte Anteil der Gelder aus Landesmitteln (43,3 Prozent). Der Bund (8,9 Prozent) und die Kommunen (9,6 Prozent) waren ungefähr in gleicher Höhe an der Förderung beteiligt. Die derzeitige Haushaltsplanung für die kommenden Jahre sieht jedoch eine Verringerung der finanziellen Unterstützung durch den Bund vor – angesichts der eklatanten Versorgungsbedarfe eine fatale Zukunftsaussicht.

Den eigenen Verpflichtungen zur Versorgung besonders schutzbedürftiger Menschen kommt Deutschland so auch in Zukunft nicht nach. Vor dem Hintergrund des Gleichbehandlungsgrundsatzes und zur Erfüllung menschen- und völkerrechtlicher Verpflichtungen muss Deutschland die diskriminierungsfreie Teilhabe in allen gesellschaftlichen Bereichen und damit auch in der gesundheitlichen Versorgung sicherstellen.

Dazu gehört eine Krankenkassenkarte von Anfang an in allen Bundesländern, ein gesetzlicher Anspruch auf dolmetschergestützte Sprachmittlung, ohne die Therapien oft nicht möglich sind, sowie die nachhaltige Finanzierung der Psychosozialen Zentren. Nur so kann eine menschengerechte Versorgung gewährleistet werden.

Die Erinnerungen an Gewalt, Folter und Flucht bleiben ein Leben lang. An unserem heutigen Umgang mit diesen traumatisierenden Erfahrungen bemisst sich, wie solidarisch und menschenrechtsorientiert wir als Gesellschaft sind – und letztlich, wie gut die Menschen in Deutschland tatsächlich Schutz und Perspektiven finden. Es braucht jetzt einen anderen Umgang mit allen Geflüchteten, einen Paradigmenwechsel, wie ihn die Bundesregierung im Koalitionsvertrag verankert hat.

Lukas Welz ist seit Juli 2021 Geschäftsleiter des Bundesverbandes der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF e.V.). Er engagiert sich zudem ehrenamtlich alsVorstandsvorsitzender von Amcha Deutschland, einer Organisation zur Unterstützung der Überlebenden der Shoah und ihrer Familien in Israel.

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