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Die Klimakrise muss gestoppt werden, um die biologische Vielfalt zu erhalten.
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Die Klimakrise muss gestoppt werden, um die biologische Vielfalt zu erhalten.

Gastbeitrag

Schluss mit „Ja, aber“

  • vonAnton Hofreiter
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Die 20er Jahre müssen zu einem Jahrzehnt des Natur- und Klimaschutzeswerden, damit wir die biologische Vielfalt erhalten.

Vor hundert Jahren fegte schon einmal eine Pandemie über den Globus und legte das öffentliche Leben lahm. Während das Ende der damaligen Spanischen Grippe langwierig war, startete eine Periode beeindruckender sozialer und wirtschaftlicher Veränderungen. Die Goldenen Zwanziger waren eine Zeit des wirtschaftlichen Aufbruchs, der kulturellen Blüte und des sozialen Wandels.

Ähnlich sieht unsere Welt im – hoffentlich – letzten Drittel der Corona-Pandemie aus: Angestoßen durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts sowie durch einen neuen Aufbruch in der internationalen Klimapolitik kommt Schwung in die Debatten um den Stopp der Klimakrise. Diese Bewegung ist überfällig, denn wir sind an einem Punkt angekommen, an dem weder der Erhalt der biologischen Vielfalt noch der Klimaschutz weiterhin mit einem „Ja, aber“ beantwortet werden können.

Die Bewältigung der Biodiversitäts- und der Klimakrise werden die politische Agenda in diesem Jahrzehnt entscheidend prägen. Die anstehenden Aufgaben sind jedoch gewaltig. Bis 2030 müssen wir allein für Sonnenstrom jährlich mindestens zehn Gigawatt und für Windenergie an Land zwischen fünf und sieben Gigawatt zubauen.

Die Energie- und Verkehrsinfrastruktur müssen grundlegend umgebaut werden. Kurzum: Die 2020er müssen zum Jahrzehnt der ökologischen Modernisierung werden. Vor diesem Hintergrund sehen wir in den nächsten Jahren die folgenden Herausforderungen im Zentrum einer ökologischen Industriepolitik.

Aus dem Naturschutz wird berechtigterweise die Sorge laut, dass diese industrielle Revolution zusätzlichen Druck auf die Natur ausübt – auch wenn es eine grüne Revolution ist. Deshalb muss gelten: Die wilden 20er müssen zugleich zu mehr Wildnis führen.

Weil die Natur so belastet ist, reicht es nicht, diese einfach auszugleichen, sondern wir müssen den Zustand der Natur an anderer Stelle qualitativ verbessern. Dafür muss aus dem Verschlechterungsverbot ein Verbesserungsgebot bei der Planung neuer Infrastrukturvorhaben werden.

Der Umbau der Wirtschaft in eine klimaneutrale Gesellschaft muss konsequent erfolgen. Wenn das Problem von Schreiadler, Rotmilan oder Abendsegler die industrielle Landwirtschaft ist, müssen wir die Agrarpolitik ändern und dürfen nicht die Energiewende ausbremsen.

Wir brauchen bessere Lebensbedingungen in unseren Kulturlandschaften und müssen Schutzgebiete zu echten Rückzugsorten machen. Wenn zudem die Betreiber von Windrädern am Naturschutz beteiligt werden, können Energie- und Naturwende gemeinsam gelingen.

Wenn wir bis 2030 aus der Kohle aussteigen wollen, darf die Planung eines Windrads keine acht Jahre dauern. In acht Jahren müssen wir die Kapazitäten der erneuerbaren Energien verdoppelt und die Modernisierung des Bahnnetzes auf die Überholspur gebracht haben.

Um das zu erreichen, müssen nicht nur die Planungsverfahren digitalisiert werden, auch müssen die Genehmigungsbehörden besser ausgestattet werden, um schnell und kompetent entscheiden zu können. Wenn dann noch die Bürgerinnen bereits früh einbezogen werden, kann dies die Vorbehalte deutlich reduzieren.

Während Länder wie Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder Brandenburg das Land mit Windstrom versorgen, boykottieren Nordrhein-Westfalen oder Bayern die Energiewende mit willkürlichen Abstandsregelungen. Deshalb muss jedes Bundesland verbindlich zwei Prozent seiner Fläche für die Windenergie zur Verfügung stellen. Auch für den Artenschutz müssen einheitliche Regeln gelten, damit der Rotmilan nicht Gesetzestexte wälzen muss, bevor er auf seinem Flug durch die Eifel das Bundesland wechselt.

Um klimaneutral zu werden, reicht es nicht, nur effizientere Motoren, Häuser oder Flugzeuge zu bauen. Klimaneutralität heißt, neu zu denken – etwa auf dem Acker: Wenn aus einem Hektar Acker bis zu 200-mal mehr Energie mit einer Photovoltaikanlage als durch den biodiversitätsschädigenden Anbau von Mais und Raps für den Tank herausgeholt werden kann, müssen hier die Prioritäten neu gesetzt werden.

Ob Agrarwende, Verkehrswende oder Energiewende: Wir müssen unsere natürlichen Lebensgrundlagen nicht nur erhalten, sondern verbessern. Dafür müssen wir die Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts zu einem goldenen Jahrzehnt des Natur- und Klimaschutzes machen.

Anton Hofreiter ist Grünen-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender seiner Fraktion.

Kai Niebert ist Präsident des deutschen Naturschutzrings und Nachhaltigkeitsforscher der Universität Zürich.

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