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Schluss mit dem Schneckentempo!

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Von: Verena Bentele

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Wenn der Klassenraum für ein rollstuhlfahrendes Kinder nicht erreichbar ist, die Bücher nicht in Brailleschrift gedruckt werden und der Unterricht nicht in Gebärdensprache stattfindet, ist Inklusion unmöglich.
Wenn der Klassenraum für ein rollstuhlfahrendes Kinder nicht erreichbar ist, die Bücher nicht in Brailleschrift gedruckt werden und der Unterricht nicht in Gebärdensprache stattfindet, ist Inklusion unmöglich. © Maurizio Gambarini/dpa

Die Inklusion kommt zu schleppend voran. Das sehen wir hierzulande, aber auch im Globalen Süden. Der Gastbeitrag.

Mehr als eine Milliarde Menschen weltweit haben eine Behinderung. Etwa 80 Prozent von ihnen leben in den ärmsten Regionen der Erde. Sie werden in den meisten Entwicklungsprojekten kaum berücksichtigt. Woran das liegt? Menschen mit Behinderungen werden oft einfach nicht mitgedacht. Es werden politische Papiere verfasst und ambitioniert Projekte entworfen, und wenn sie dann umgesetzt werden, bleibt ein großer Teil der Menschheit dennoch außen vor.

Da werden Schulen gebaut, und viele Schülerinnen und Schüler können sie gar nicht nutzen. Die Treppe ist eine unüberwindbare Hürde, die Bücher werden oft nicht in Brailleschrift gedruckt und der Unterricht findet nicht in Gebärdensprache statt.

Das führt zwangsläufig zu Ausgrenzung, die sich durch alle Lebensbereiche zieht – in der Bildung, im Arbeitsleben und in der Gesundheitsversorgung. Mit verheerenden Folgen, denn in armen Ländern können bis zu 46 Prozent aller Menschen mit Behinderungen nicht lesen und schreiben. Bis zu 80 Prozent von ihnen bekommen keine Sozialleistungen. Und bis zu 50 Prozent haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung.

Hinzu kommt noch etwas anderes: Behinderung ist im Globalen Süden oft stigmatisiert, gilt häufig noch als Fluch. Immer wieder kommt es vor, dass Eltern ihre Kinder deshalb aus Scham verstecken. Frauen mit Behinderungen sind in den ärmsten Ländern der Welt besonders diskriminiert.

Denn sie werden sowohl aufgrund ihres Geschlechts als auch aufgrund ihrer Behinderung benachteiligt. Ihnen wird vielfach abgesprochen, gute Ehefrauen oder Mütter zu sein, die sich um die Familie kümmern können. Oft werden sie von ihren Ehemännern verstoßen, haben keinen Zugang zu Einkommensmöglichkeiten und erhalten auch keine Kredite. Bei einem Besuch in Togo kürzlich habe ich Frauen getroffen, die aufgrund ihrer eigenen Behinderung oder der ihrer Kinder von ihren Ehemännern verlassen wurden und die auf sich allein gestellt waren – ohne jeden Rückhalt.

In einem von der Christoffel-Blindenmission (CBM) geförderten Projekt wurden diese Frauen ausgebildet, auf eigenen Füßen zu stehen. Sie lernten in Workshops beispielsweise Taschen herzustellen oder als Händlerinnen Getreide zu verkaufen. Und sie erhielten die Möglichkeit, innerhalb von Spargruppen kleine Kredite zu bekommen. Mit diesen Krediten konnten sie sich als Schneiderin oder mit einem Lebensmittelladen selbstständig machen.

Es waren Frauen, die selbstbewusst und kreativ ihr Geschäft betreiben und mit Mut für sich einstehen. Das hat mich beeindruckt. Aber gleichzeitig hat es mich schockiert, wie wenig selbstverständlich es auch heute noch ist, dass Menschen mit Behinderungen in einem Land wie Togo zur Schule gehen, eine Arbeit haben und für sich selbst sorgen können.

Sie leben unter extrem schwierigen Bedingungen, und es hängt meist vom Zufall ab, ob sie Unterstützung bekommen oder nicht. Das muss sich ändern. Menschen mit Behinderungen müssen sich mit all ihrem Potenzial in die Gesellschaft einbringen können.

Dafür braucht es nichts weniger als einen Perspektivwechsel im Globalen Süden, aber auch hier in unserer Förderung von Projekten weltweit. Es braucht nicht einige besondere Projekte für Menschen mit Behinderungen. Vielmehr muss jedes Projekt inklusiv und für alle Menschen zugänglich sein. Wollen wir wirklich bei Maßnahmen, die wir unterstützen, wieder einen großen Teil der Menschen vergessen und ausgrenzen? Das kann nicht unser Ziel sein.

Wir müssen aber auch in Deutschland immer noch dafür kämpfen, dass Teilhabe und Inklusion mitgedacht werden. Wird etwa hierzulande E-Mobilität gefördert, so wird vergessen zu regeln, dass Rollstuhlnutzer die Ladestation überall erreichen.

Digitale Technik schließt oft Menschen mit Sehbehinderung aus: schlichtweg, weil es derzeit keine gesetzliche Verpflichtung für die Herstellenden gibt, eine Waschmaschine oder einen Fahrkartenautomaten am Bahnhof so auszustatten, dass alle ihn bedienen können.

Lassen Sie uns gemeinsam dafür eintreten, dass Inklusion nicht im Schneckentempo voranschreitet, sondern endlich Fahrt aufnimmt. Deutschland hat sich verpflichtet, inklusive Entwicklung voranzubringen. Kein Entwicklungsprojekt darf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen ignorieren. Sie müssen als Expertinnen und Experten in eigener Sache eingebunden werden und Inklusion mitgestalten. Das ist nicht nur eine moralische Verpflichtung, sondern ein Menschenrecht. All das sollte nicht nur am Welttag der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember deutlich werden.

Verena Bentele ist die Präsidentin des VdK, des größten deutschen Sozialverbands.

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