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Rohstoffe sichern – sozial und ökologisch

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Von: Franziska Brantner

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Der Anteil Chinas an der weltweiten Weiterverarbeitung kritischer Rohstoffe wuchs in den letzten Jahrzehnten stetig an und beträgt bei einigen Rohstoffprodukten über 90 Prozent. Damit wird die chinesische Wirtschaft zum Nadelöhr in der Lieferkette.
Der Anteil Chinas an der weltweiten Weiterverarbeitung kritischer Rohstoffe wuchs in den letzten Jahrzehnten stetig an und beträgt bei einigen Rohstoffprodukten über 90 Prozent. Damit wird die chinesische Wirtschaft zum Nadelöhr in der Lieferkette. © Yang Shiyao/dpa

Deutschland muss Partner finden, um unabhängiger von China zu werden, schreibt die parlamentarische Staatssekretärin Franziska Brantner (Grüne). Sie skizziert die Strategie des Wirtschaftsministeriums. Der Gastbeitrag.

Die Pandemie und der russische Angriffskrieg zeigen uns, wie fragil globale Lieferketten sind. Neben der Energieversorgung spüren wir das bei der Produktion und Weiterverarbeitung von Metallen und Mineralien für Computer und Mikrochips, Windräder und Solarpanels. Diese kritischen Rohstoffe werden weltweit nur von einer Hand voll Unternehmen in wenigen Ländern gewonnen. Vor allem der Anteil Chinas an der weltweiten Weiterverarbeitung wuchs in den letzten Jahrzehnten stetig an und beträgt bei einigen Rohstoffprodukten über 90 Prozent.

Es ist höchste Zeit, dass wir diese Abhängigkeiten ernst nehmen und unsere Wirtschaft resilienter machen. Um beim globalen Wettlauf um kritische Rohstoffe mithalten zu können, müssen wir uns der Welt und damit mehr Partnern zuwenden und als Europäer:innen Abbau, Weiterverarbeitung, Recycling und Substitution stärken.

Risikostreuung durch Diversifizierung – diese Grundlage der Betriebswirtschaftslehre sollte auch beim Handel mit kritischen Rohstoffen wegweisend sein. Die Hauptaufgabe liegt dafür bei den Unternehmen, aber wir als Bundeswirtschaftsministerium wollen sie dabei unterstützen. Wir wollen verstärkt Investitionen in Rohstoffvorhaben mit finanziellen Garantien gegen Ausfallrisiken absichern. Die deutsche Rohstoffagentur (DERA) und die Rohstoff-Kompetenzzentren der Außenhandelskammern stellen umfassendes Wissen über globale Rohstoffmärkte zur Verfügung.

Wir beleben unsere internationalen Rohstoffpartnerschaften mit einer aktiven Rohstoffdiplomatie. Bereits seit Jahren gibt es in rohstoffreichen Ländern wie Chile, der Mongolei und Südafrika die Erwartung auf deutsche Investitionen und Technologien. Im Gegensatz zu uns hat hier insbesondere China viele Chancen ergriffen. Die chinesischen Staatsunternehmen haben sich weltweit strategisch Bergbaurechte und Kapazitäten zur Weiterverarbeitung gesichert. Hier müssen wir präsenter werden.

Dabei können wir attraktive Angebote machen: Die Rohstoffländer können Partner werden in den grünen Wertschöpfungsketten der Zukunft. Als liberale Demokratie sollten wir diesen Wettbewerbsvorteil selbstbewusst ausspielen und uns für ökologisch und sozial gerechte Rohstoffgewinnung einsetzen.

Ähnlich wie wir wollen etwa die Chilenen in der Atacama-Wüste sauber und wasserschonend ihr Lithium produzieren. Und wir haben die Technologien, um klimaneutrale und wassersparende Verfahren voranzubringen. So verbinden wir fairen Handel auf Augenhöhe mit nachhaltiger Rohstoffversorgung.

Gleichzeit mahnen uns die planetaren Grenzen, effizienter mit Rohstoffen umzugehen. Und es gilt: Je effizienter die Rohstoffnutzung ist, desto weniger sind wir von Importen abhängig. Hier haben wir noch großes Potential. Weniger als fünf Prozent von einigen der entscheidenden Rohstoffe für die Transformationstechnologien werden bislang recycelt. Dabei sitzen wir mit Tonnen an Elektroschrott auf einem kaum beachteten Schatz, der gehoben werden will.

Mit der europäischen Ökodesign-Verordnung haben wir die Chance, wettbewerbsdefinierende Standards für effiziente und kreislauforientierte Produkte zu setzen. Schon jetzt zeigen viele kluge Köpfe, dass wir mit weniger Ressourcen mehr Klimaschutz und Effizienz schaffen können. Unterstützen wir sie endlich bei der Skalierung ihrer Ideen!

Eine gute Rohstoffversorgung müssen wir gemeinsam mit unseren europäischen Freund:innen anpacken. Wir können uns keinen europäischen Wettbewerb um kritische Rohstoffe leisten.

Mein französischer Amtskollege und ich haben deshalb konkrete Vorschläge für einen europäischen Raw Material Act gemacht. So könnten etwa mit einem öffentlich-privaten europäischen Fonds Förderungen und Kredite gebündelt werden.

Wir könnten so strategisch Gewinnung, Weiterverarbeitung und Recycling kritischer Rohstoffe stärken. Indem gemeinsame Rohstoffeinkäufe aktiv unterstützt würden, könnten gerade kleine und mittlere Unternehmen im globalen Wettbewerb gestärkt werden. Außerdem brauchen wir ein europäisches Krisenmanagement auch für die Rohstoffversorgung, um hier gegen gestörte Lieferketten gewappnet zu sein.

Unsere geopolitisch angespannte Zeit verlangt strategischere Außenwirtschaftspolitik mit aktiver Rohstoffpolitik. So wird unser europäischer Binnenmarkt resilienter und wir werden außenpolitisch handlungsfähiger. Eng verzahnt mit der Kreislaufwirtschaft bringen wir so Green High-Tech bei uns voran. Damit legen wir die Grundlage für klimaneutrale Wertschöpfung in der Zukunft.

Franziska Brantner ist parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz und Bundestagsabgeordnete für Heidelberg.

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