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Patriarchales Denken funktioniert nur als Kippfigur von unterdrücken oder unterdrückt werden.
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Patriarchales Denken funktioniert nur als Kippfigur von unterdrücken oder unterdrückt werden.

Gastbeitrag

Was Antisemitismus und Rassismus mit Femizid zu tun haben

Zwischen rechter und misogyner Gewalt gibt es eine konkrete Verbindung. Femizid ist nicht nur Teil rechter Gewalt. Er ist ihre Grundlage. Gastbeitrag von Tina Hartmann.

Seit Jahren fordert ein breites Bündnis von Aktivistinnen die Aufnahme von Femizid als eigener Straftatbestand. Bislang hieß es aus der Bundesregierung, dies sei eine „unnötige Differenzierung“. Doch angesichts der systematischen Verbindung von misogyner und rechter Gewalt ist es höchste Zeit für ein Umdenken. Auch jenseits wahlkampfstrategischer Sonntagsreden zum Weltfrauentag. Femizid ist nicht nur Teil rechter Gewalt. Er ist ihre Grundlage.

Noch vor einer halben Dekade hätte wohl kaum jemand geglaubt, dass die alte Geschichte vom jüdischen Ritualmord einmal so wirkungsmächtig wiederkehren würde. Doch wohl nicht zufällig ein halbes Jahr nach der Amtseinführung von Donald Trump taucht sie ab November 2017 plötzlich wieder auf als Kern der aus der NS-Propaganda übernommenen „freimaurerisch jüdischen Weltverschwörung“. Der Verschwörungsglaube an eine Kinderblut trinkende pädophile Elite unter Leitung von Bill Gates kann gar nicht absurd genug sein, um dennoch – oder gerade deshalb – unter Pandemiebedingungen plötzlich auch in Deutschland eine wenigstens in ihrer Breite ungeahnte Resonanz zu finden. „Es handelt sich oft um ältere weiße Männer, teilweise auch Frauen, mit einem Hang zur Esoterik, die davon überzeugt sind, dass die Veränderungen unserer Gesellschaft keine normalen demokratischen Prozesse sind, sondern Ergebnisse einer Weltverschwörung.“ So der Baden-Württembergische Antisemitismusbeauftragte Harald Blum zur Jüdischen Allgemeinen vom 08.01.2021. Was als ideologische Grundlage zusammengebraut wird, ist wie die gesamte sogenannte neue Rechte durchaus nicht „neu“, sondern setzt sich geradezu mustergültig aus den üblichen Verdächtigen zusammen: Frauen, Juden, Schwarze.

Das Abtreibungsverbot als Lackmustest für den Urgrund radikaler Misogynie

Den Anhänger:innen von QAnon, Trumpisten, reaktionären Regierungen und anderen rechten Verbünden geht es primär um die Verteidigung der Herrschaft des Männlichen. Dieses System ist so stark, dass auch manche Frauen und – besonders skurril – mitunter sogar queere Männer und Frauen es als vorteilhaft empfinden, wenn für sie Misogynie und Rassismus stärker wiegen als die Verachtung durch ihre rechte Umgebung. Lackmustest für den Urgrund radikaler Misogynie ist das Abtreibungsverbot. Es wie in Polen zu verschärfen bis zu dem Fall, in dem die Frau vergewaltigt wurde, der Fötus missgebildet ist oder die Geburt die Frau gefährdet, ist der feuchte radikalpatriarchale Traums von der vollständigen Kontrolle über den weiblichen Körper. Es ist der Traum von der femizidalen Vergewaltigung.

Patriarchales Denken funktioniert nur als Kippfigur von unterdrücken oder unterdrückt werden. Die Vorstellung einer Frau, die dem Mann nicht mehr Untertanin ist, muss daher in die Angstvision weiblichen Herrschaftsanspruchs über Männer kippen. Sie ist allen rechten Gesinnungen und radikalen religiösen Orthodoxien gemeinsam und keinesfalls Signatur der islamischen Welt, wie in der autonomen Zone des Berg Athos in Griechenland, dem Zentrum des orthodoxen Christentums zu beobachten ist. Dort ist bis heute nicht nur Frauen der Zutritt strengstens verboten, sondern auch weiblichen Tieren wie Hühnern, Ziegen, Kühen. Nur auf den ersten Blick skurril ist daher, wenn radikale deutsche Rechte ungeachtet ihres Hasses auf Migrant:innen islamistische Unterdrückung der Frau loben und entsprechende Hasspredigten auf Foren der INCELS (unfreiwilligen Zölibaten) geteilt werden. Was sie alle eint, sind ihre sich zunehmend radikalisierenden Vergewaltigungs- und Tötungsphantasien, die in bislang unbeachtetem Maß aus dem Netz heraus Realität werden.

Das Gendersternchen als Symbol für den männlichen Machtverlust

Das Weibliche steht im Patriarchat zugleich für das Begehrte und den durch es hervorgerufenen Kontrollverlust. Weil der Sexualtrieb (mitunter) das männliche Hirn ausschaltet, kann das ihn auslösende Weibliche weder in der Lage sein zu denken, noch sich selbst zu kontrollieren. Nicht der Mann, sondern die Frau trägt folglich die Verantwortung für den männlichen Übergriff. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten galt eine Frau im Minirock als „selbst schuld“ an ihrer Vergewaltigung – zynisch als „Vergewohltätigung“ bezeichnet. Doch aktuell sehen sich Frauen, die sich öffentlich äußern oder in politischen Ämtern stehen, mit steigender Frequenz patriarchalen Anfeindungen bis hin zu tätlichen Übergriffen ausgesetzt. Nicht nur aktiv durch AfD und einen durchs Netz trollenden Mob, sondern in deren Aufwind auf breiter Front.

Ultimatives Symbol für den dieser Aggression zugrundeliegenden drohenden männlichen Machtverlust ist das Gendersternchen. Seit es und seine Äquivalente die akademische Nische verlassen und in vielen Medien sowie qua Bundesverfassungsgerichtsbeschluss 2017 in Verwaltung und Ausschreibungen sichtbar werden, baut sich eine wahre Tsunamiwelle an Empörung auch bei Zeitgenoss:innen auf, die sich bis dahin kaum für die ästhetischen Qualitäten von Sprache interessierten. Entgegen vollmundiger Erklärungen geht es dem Antigenderismus – namentlich dem Verein Deutsche Sprache, dessen Vorsitzender Walter Krämer, Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik, seinen Schaukasten an der Universität Dortmund mit einem Hitler-Zitat dekoriert hatte – nicht um die Schönheit der Sprache, sondern um die weissmännliche Herrschaft über sie. Dass Weibliche und Diverse sich vom generischen Maskulinum gemeint fühlen sollen, versprachlicht die Forderung nach ihrer Unterordnung unter die männliche Deutungshoheit.

Wir stammeln, während wir nach neuen Wörtern suchen

Statt mit ihrem Gebrüll nach Teilhabe zu nerven, sollen Marginalisierte sich gefälligst ein dickeres Fell zuzulegen. Die Privilegierten behalten sich im Gegenzug nicht nur vor, weiter zu verletzen, sondern auch, auf Kritik dünnhäutig zu reagieren. Wie das Amen zur Kirche folgt mit „das wird man doch noch sagen dürfen“ die Verteidigung sprachlicher Rassismen, kolonialistischer Straßennamen, Monumente und des sog. Blackfacings als vorgeblich historisch wertvolle Kulturgüter. Noch perfider aber ist der in mustergültiger Täter-Opfer-Verkehrung auf inzwischen breiter Front und prominent von Wolfgang Thierse und Horst Bredekamp vorgetragene Vorwurf, die sog. Identitätspolitik spalte die demokratische Gesellschaft.

Tatsächlich ist bislang nicht absehbar, dass feministische, queere und postcoloniale Aktivist:innen gegeneinander in Bürgerkrieg treten. Wahr daran ist nur, dass die Linke die größte Schlagkraft an den Tag legt, wenn es gilt, sich gegenseitig zu zerlegen. Es ist legitim und notwendig, auf patriarchale, antisemitische, homophobe oder rassistische Tendenzen in Äußerungen von Vertreter:innen verschiedener Emanzipationsbewegungen hinzuweisen. Sie zeigen, wie sehr wir alle, Männer, Frauen, Diverse aller Hautfarben und Herkünfte im Jahrtausende bzw. Jahrhunderte umspannenden Netz von Misogynie, Antisemitismus, Rassismus und (nicht nur heteronormativem) Sexismus gefangen sind.

Es lässt uns zwangsläufig stammeln, an der „alten“ Sprache zweifeln, während wir nach neuen Wörtern suchen. Voraussetzung für eine neue Gesprächskultur ist jedoch, dass die Privilegiertesten den ersten Schritt machen, und es wäre das Unterscheidungsmerkmal zu reaktionär-konservativen und rechten Diskursen. Doch die aggressiven Rundumschläge tragen eher den Charakter eines Schulterschlusses mit den Reaktionären, indem sie den Emanzipationsbewegungen die Schuld an der erstarkenden Rechten gegeben. Nicht etwa deren Gewalt, sondern der Aufschrei der Marginalisierten sei „mörderisch“ für unsere Demokratie. Dass diese sich angesichts der aus demokratischer Sicht in jedem Falle erfreulichen Emanzipationsbestrebungen radikalisieren, ist aber nur logisch und verdient daher kein „Verständnis“, sondern klare Gegenanzeigen von Staat und Gesellschaft. Was hier verwechselt wird, ist, dass nicht der Verlust eines auf Geschlecht und Herkunft gegründeten Privilegs gegen demokratische Prinzipien verstößt, sondern das Privileg.

Femizid: Wenn aus Mord häufig Totschlag wird

Die Verbindung von Misogynie, Antisemitismus und Rassismus ist weder Zufall noch neu. Die unter dem Paradigma des Patriarchats entstandenen gedanklichen Systeme Europas versahen bis ins 20. Jahrhundert hinein das ausgegrenzte Andere stets mit dem, was sie bereits als ultimativ minderwertig definierten: dem Weiblichen. Jüdische Menschen galten seit dem Mittelalter ungeachtet ihres Geschlechts als „weibisch“, ebenso Menschen anderer, insbesondere dunkler Hautfarben und Muslime. Wie Frauen wurden ihnen mangelnder Verstand, fehlende Urteilsfähigkeit, Feigheit, Wankelmut und übersteigerte Wollust unterstellt. Nicht zufällig hallen diese Zuschreibungen in der Kritik an der sog. Identitätspolitik nach. Wer sie äußert, muss sich ungeachtet der persönlichen Verdienste und politischen Selbstverortung den Vorwurf gefallen lassen, dieses System zu erhalten wo nicht zu befeuern.

Aus ihrer Tradition speist sich die Tragweite des Frauenhasses als systemische Quelle rechter Gewalt. Misogynie zeigt wie der Rauch das Feuer rechte Gewalttäter an. Anders Breivik, die Attentäter von Christchurch, Halle und Hanau und viele weitere eint nicht nur ihr Geschlecht, sondern dass sie vor ihren Taten massiv durch misogyne und femizidale Gewalt aufgefallen waren. Doch weil Femizid in Deutschland kein Straftatbestand ist, wird diese umfassende Bedrohung weder von Polizei noch Justiz reflektiert. Im Gegenteil: Gewalt an Mädchen und Frauen gilt als Beziehungsgewalt. Damit wird nicht nur der Täter zu einem Einzelfall mit verstehbaren, statt mit niederen Beweggründen, das Opfer bekommt als Teil dieser „Beziehung“ eine Mitschuld. Aus Mord wird häufig Totschlag. Wenn Frauen und Mädchen schon nicht qua Geschlecht als schützenswert gelten, hilft vielleicht die Erkenntnis, dass femizidale Gewalt weit mehr als die Hälfte der Menschen in unserem Land betrifft. Nicht nur, weil etwas mehr Frauen als Männer darin leben, sondern weil Diverse und Männer anderer Hautfarben und Herkünfte sowie Politiker nach dem Prinzip der erweiterten Misogynie ebenfalls zu ihren Opfern werden. (Tina Hartmann)

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