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Praktika bezahlen

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Von: Petra Kammerevert

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Praktikanten, hier ein junger Mann in der Gastronomie, sollten grundsätzlich bezahlt werden.
Praktikanten, hier ein junger Mann in der Gastronomie, sollten grundsätzlich bezahlt werden (Archiv). © peter-juelich.com

Die EU muss mehr in Bildung investieren, um lebenslanges Lernen zu ermöglich. Der Gastbeitrag.

Welche konkreten Ergebnisse kann das Europäische Jahr der Jugend für junge Menschen in Europa bis Silvester noch bringen? Die Halbzeit ist in diesem Sommer um. Wir müssen in der gesamten EU dafür sorgen, dass Perspektiven für den sozialen Aufstieg zugänglich und erreichbar sind, auch für junge Menschen, die weniger Chancen bekommen. Deshalb brauchen wir mehr Investitionen und zusätzliche Mittel für Bildungseinrichtungen, Fonds und europäische Förderprogramme wie Kreatives Europa und Erasmus+.

Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im Europäischen Parlament drängen darauf, dass die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten ihre Verpflichtung umsetzen, zehn Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in Bildung zu investieren. Wir kämpfen dafür, dass unbezahlte Praktika in der gesamten EU abgeschafft werden, da wir überzeugt sind, dass Praktikanten nicht als kostenlose Arbeitskräfte ausgebeutet, sondern für ihre Talente entlohnt werden sollten. Wir setzen uns dafür ein, dass junge Menschen in ganz Europa Zugang zu bezahlbarem Wohnraum bekommen. Eine eigene Wohnung ist ein großer Schritt in Richtung verantwortungsvollem Erwachsensein und die Freiheit, nach der sich viele Jugendliche sehnen.

Die Pandemie hat digitalen Technologien für Arbeit oder Studium Auftrieb gegeben, aber sie hat auch Herausforderungen verdeutlicht, die wir noch bewältigen müssen: Der Zugang zu digitalen Lernmedien ist eine Frage der Fairness. Lehrende und Lernende müssen fit sein für hochwertigen Distanzunterricht und digitales Lernen. Zudem brauchen wir belastbare Strukturen, um Einsamkeit und psychische Schäden bei jungen Menschen zu verhindern. Die digitale Bildung ist neben den Lese-, Schreib- und Rechenkenntnissen enorm wichtig.

Digitale Bildung muss für alle Lebensphasen konzipiert werden, angefangen von der frühkindlichen, über die schulische und berufliche Bildung, bis hin zur Hochschule und zum lebenslangen Lernen. Wir setzen uns vor allem für einfache Zugänge zu digitaler Bildung ein, um den individuellen Aufstieg zu ermöglichen. Die Pandemie hat jedoch auch bestätigt, dass Distanzunterricht den Bedarf an Vor-Ort- und Face-to-Face-Lernen nur in Notfällen überbrücken, aber nicht dauerhaft ersetzen kann. Jungen Menschen mangelt es in der Corona-Zeit oft stark an sozialer Interaktion, nicht-formalem und informellem Lernen.

Nicht zuletzt in Wissenschaft, Technologie, Ingenieurwesen und Mathematik gibt es nach wie vor ein Geschlechtergefälle. Europa braucht alle seine Talente, unabhängig von ihrem Geschlecht. In einer immer wettbewerbsintensiveren Welt wird die Schließung dieser Lücke zu einer Frage des wirtschaftlichen Wohlstands für die EU.

Die meisten jungen Menschen wollen mobil und vernetzt leben. Dringend erforderlich sind deshalb moderne und leistungsfähige Verbindungen, auch in die entlegensten Regionen der Europäischen Union sowie eine einfache und möglichst automatische Anerkennung von Lernzeiten und Bildungsabschlüssen.

Dies würde mehr junge Menschen ermuntern, in einem anderen EU-Mitgliedstaat Lebens-, Ausbildungs- oder Arbeitserfahrungen zu sammeln – ein mutiger Schritt, um ihre Kultur zu bereichern, Sprachkenntnisse zu verbessern und andere Europäer:innen kennenzulernen.

Gastfreundschaft und Neugier junger Menschen zu fördern, ist der Schlüssel zur Bekämpfung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Die Bildungsprogramme Erasmus+ und das Europäische Solidaritätskorps gehören seit Jahrzehnten zu den sichtbarsten Erfolgsgeschichten der EU, in denen sich Generationen junger Menschen kennengelernt und ihr Leben durch neues Wissen, Freundschaften und manchmal sogar Liebe bereichert haben. Wir müssen diesen großen Erfolg weiter fördern und kontinuierlich für eine bessere Finanzierung kämpfen.

Junge Menschen wollen sich engagieren und aktiv zu einer vielfältigen Gesellschaft beitragen, die nachhaltig, ökologisch und in Frieden lebt. Unsere politische Aufgabe ist daher, ihre Beteiligung so einfach und unkompliziert wie möglich zu gestalten; lokal, regional, national und auf europäischer Ebene.

Insofern sehen wir Sozialdemokrat:innen im Europäischen Parlament das Europäische Jahr der Jugend als Initialzündung für mehr Partizipation, und vieles von dem, was wir in letzter Zeit im Interesse junger Menschen diskutiert und beschlossen haben, muss nun konsequent und ohne Zögern umgesetzt werden. Wir werden ein verlässlicher, fortschrittlicher Partner und Motor für diesen Prozess sein.

Petra Kammerevert ist SPD-Europaabgeordnete und bildungs- und jugendpolitische Sprecherin der SPD. Der Artikel erscheint in Kooperation mit Sozialdemokrat:innen aus Schweden, Italien, Deutschland, Rumänien und Spanien in allen diesen EU-Staaten.

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