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Plastik reduzieren und beseitigen

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Viel Plastikmüll gelangt ins Meer.
Viel Plastikmüll gelangt ins Meer. © Imago

Die Unep sollte kurz vor ihrem Jubiläum ein Abkommen gegen Plastikmüll verabschieden. Der Gastbeitrag von Raimund Bleischwitz.

In einigen Tagen begeht das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) seinen 50. Geburtstag – direkt im Anschluss an die große Umweltversammlung (Unea-5). Die UN-Organisation kann auf einige Erfolge zurückblicken. Umweltbelange sind heute selbstverständlich eine politische Priorität. Die Ausdünnung der stratosphärischen Ozonschicht konnte gestoppt werden. Wichtige Umweltbelastungen sind vom Wachstum des Bruttosozialprodukts abgekoppelt. Dazu hat der Internationale Ressourcenrat des UN-Umweltprogramms (Unep IRP) wichtige Erkenntnisse geliefert. Es gibt in Deutschland aktuell sogar eine Mehrheit fürs Tempolimit.

Doch der Zustand der Umwelt ist weiterhin dramatisch. Der Globale Umweltausblick (GEO6) des Unep zeichnet ein düsteres Bild von zunehmender Luftverschmutzung, insbesondere in den Millionenstädten des globalen Südens, von einem Verlust der biologischen Vielfalt, Versauerung der Ozeane, Zerstörung fruchtbarer Böden und Wasserstress.

Davon ist die Gesundheit betroffen. Allein die Luftverschmutzung ist Ursache für neun Millionen frühzeitige Todesfälle weltweit. Etwa drei Milliarden Menschen leiden unter dem Verlust ihrer natürlichen Lebensgrundlagen. Der Klimawandel verstärkt diese Stressfaktoren. Umwelt und Entwicklung zusammenzubringen – die große Mission von Erdgipfeln in Rio de Janeiro und Johannesburg –, ist bislang nicht gelungen.

Die Umweltversammlung Unea-5 beginnt am Dienstag, 28. Februar, online in Nairobi. Ein wichtiges Thema des Treffens ist ein globales Abkommen über die Reduktion von Plastikmüll. Die Delegierten müssen einen Meilenstein umsetzen, der längst überfällig ist. Die Zivilgesellschaft und einige Unternehmen sind bereits auf dem Weg in eine Zukunft ohne Plastikmüll.

Die „New Plastics Economy“ vereint mehr als tausend Organisationen für die Vision eines plastikfreien Ozeans und einer vollständigen Kreislaufführung bis zum Jahr 2025. Dieser Pionierschwung muss durch ein internationales Abkommen völkerrechtlich verbindlich verstetigt und krisensicher gestaltet werden. Die Erfolge beim Schutz der Ozonschicht haben gezeigt, dass Problemstoffe aus dem Verkehr gezogen werden können.

Schwimmende Müllschlucker auf den Weltmeeren werden notwendig sein, vor allem angesichts der geschätzten aktuell 109 Millionen Tonnen Plastikabfall, die sich nach Schätzungen der OECD auf dem Weg von den Flüssen in die Weltmeere befinden. Aufräumen reicht jedoch nicht aus. Auch unter günstigen Umständen können die Technologie lediglich etwa fünf bis zehn Prozent des Plastikmülls wegschaffen. Man muss jetzt aktive Abfallvermeidung betreiben und die Wertschöpfungsketten umbauen, die Erdöl in Plastikprodukte umwandeln, von denen zu viele in den Meeren landen.

Eine umfassende Kreislaufwirtschaft in Kombination mit einer „Blue Economy“, der nachhaltigen Meeresbewirtschaftung, ist das Gebot der Stunde. Dazu gehört, Lebensmittelverpackungen zu vermeiden und mehr biologisch abbaubare Materialien zu entwickeln.

Küstenstädte müssen weltweit Vorreiter für eine Integration von Wasser-, Nahrungsmittel- und Abfallwirtschaft werden. Häufig weisen auch soziale Innovationen den Weg, wie die aus recycelten Plastikflaschen produzierten „Tasini“-Einkaufsbeutel in Indonesien.

Die Umweltversammlung Unea-5 muss einen Vertrag auf den Weg bringen, der mindestens fünf Eckpunkte haben sollte: eine umfassende Verantwortlichkeit der Plastikabfall produzierenden Industrie, ein Mechanismus zur Förderung von Kreislaufwirtschaft und Blue Economy, ein verbessertes Monitoring mit integrierter Bewertung der Ozeangesundheit und der Folgen von Plastikabfällen sowie Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung.

Für Letzteres eigenen sich internetbasierte „Reflectories“ als didaktische Verknüpfung von Reflexion und Stories. Vor allem aber geht es um die Verankerung der Vision eines plastikfreien Ozeans und darum, diese Mission jetzt anzupacken und gemeinsam zu erreichen, insbesondere in der UN-Ozeandekade der Vereinten Nationen (UN).

Dies alles wird nur zusammen mit den Ländern des Südens gehen. Der Ozean und seine Küstenökosysteme wie Mangroven, Seegras, Marschlandschaften und Korallenriffe sind für den Klimaschutz und als natürliche Lebensgrundlage zu wertvoll, um weiterhin ausgeplündert und Müllkippe für unseren Plastikabfall zu sein. Somit sollte nicht nur der 50. Unep Geburtstag Anlass genug sein, künftige Generationen in den Mittelpunkt des heutigen Handelns zu stellen.

Raimund Bleischwitz leitet das Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT). Er ist Nachhaltigkeitsforscher und Experte für Kreislaufwirtschaft.

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