Die Landwirtschaft verursacht erhebliche Gesundheits- und Umweltschäden.
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Die Landwirtschaft verursacht erhebliche Gesundheits- und Umweltschäden.

Gastbeitrag

Nötiger Wandel

  • vonScarlett Benson
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  • Martin R Stuchtey
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Die Landwirtschaft könnte zur globalen Krisenfestigkeit beitragen. Doch dafür muss sie innovativer werden. Der Gastbeitrag.

Die durch das Coronavirus herbeigeführte internationale Gesundheitskrise weitet sich immer mehr zu einer Ernährungskrise aus. Damit gerät die Landwirtschaft weltweit in den Fokus.

Von den 740 Millionen Menschen, die schon vor der Pandemie in extremer Armut lebten, sind zwei Drittel Bauern und ihre Familien. Deren Zahl droht nun deutlich anzusteigen. Um dem entgegenzuwirken, muss die Produktivität der Kleinbauern im tropischen Gürtel rund um die Welt deutlich gesteigert werden.

Das lässt sich auch durch eine stärkere Teilhabe der in der Landwirtschaft tätigen Frauen erreichen. Sie stellen 43 Prozent der Arbeitskräfte dar, erhalten aber weniger als 5 Prozent aller landwirtschaftlichen Beratungsdienste. Das ist eine wenig diskutierte Form der Ungleichheit.

Aber es geht keineswegs nur um den Kampf gegen Armut in Entwicklungs- und Schwellenländern. Aufgabenstellungen wie Nahrungsmittelsicherheit, Nutztiergesundheit und die Integrität natürlicher Lebensräume sind auch für unser eigenes gesellschaftliches und wirtschaftliches Wohlergehen hier in Europa hochrelevant.

Das gilt auch für den Kampf gegen den Klimawandel. Durch die aufwendige und abfallintensive Verarbeitung ihrer Produkte sowie die fortlaufende Degradierung der Ökosysteme verursacht die Landwirtschaft erhebliche Gesundheits- und Umweltschäden. Deren weitgehend verborgene Kosten belaufen sich auf eine Höhe von 12 Billionen US-Dollar pro Jahr. Diese Summe liegt paradoxerweise um zwei Billionen US-Dollar über dem gesamten, von der Landwirtschaft und der ihre Produkte verarbeitenden Industrien geschaffenen Marktwert.

Gerade angesichts dieser Fakten ist die Wende hin zu einer klimafreundlichen, gesundheitsfördernden und naturverträglichen Landwirtschaft unabweislich. Diese Zielsetzung mag zu ambitioniert erscheinen. Sie ist aber machbar. Eine zeitgemäße Form der Landwirtschaft erfordert die Bereitschaft zu einem Systemwechsel, ohne Schuldzuweisungen oder Besitzstandsdenken.

Ein solcher Innovationspakt schließt im großen Maßstab neue Proteinquellen auf und setzt auf Nährstoffrückgewinnung, Präzisionsbewirtschaftung, neue Bodenbewirtschaftungspraktiken und Urban Farming. Was lange als Zukunftsmusik gegolten haben mag, ist aus der Warte eines adäquaten globalen Risikomanagements heute ein dringendes Erfordernis.

Dass derartige nachhaltigkeits- und produktivitätsfördernde Interventionen auch im Weltmaßstab möglich sind, lässt sich unter anderem an der Projektarbeit ablesen, die die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit etwa bei Kaffeeplantageprojekten in Costa Rica im Auftrag der Bundesregierung durchführt.

Diesen fundamentalen Wandel analytisch und konzeptionell zu strukturieren, ist die Herausforderung, der sich die Food and Land Use-Koalition (FOLU) gestellt hat. Die beteiligten internationalen Forscher- und Strategieteams haben hierzu viele konkrete Aspekte durchgerechnet. Der „Growing Better“-Report umfasst zehn Handlungsanleitungen für Regierungen, Unternehmen, Finanzwelt sowie Zivilgesellschaft.

Bei der Umsetzung geht es um Themen wie die Digitalisierung der Feldarbeit und Nutztierhaltung, bodenfreundliche Methoden der Düngung und des Pflanzenschutzes, die Diversifizierung des Saatguts, Präzisionsbewässerung und pflanzen- und zellbasierte Fleischproduktion.

Auch die deutsche Bundesregierung befasst sich mit den strategischen Konsequenzen dieses Reports, wie etwa bei einer Veranstaltung unter Beteiligung der drei Bundesministerien für Umwelt, Landwirtschaft und wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung deutlich wurde.

Letztlich geht es um einen neuen und gerechteren Vertrag zwischen Gesellschaft und Bauern. Diese müssen künftig für die von ihnen erbrachten Leistungen wie den Klima- und Artenschutz sowie die Versorgungssicherheit gerecht entlohnt werden.

Über Deutschland und Europa hinaus gilt es, die lokalen Nahrungsmittelsysteme in den Entwicklungsländern zu stärken. Statt des Exports landwirtschaftlicher Produkte in diese Länder bedarf es vor allem der Bereitschaft zu einem starken Kapital- und Technologiefluss. Die Landwirtschaftspolitik wird so zum Kernfaktor der internationalen Zusammenarbeit.

So würden wir die aktuelle Angst vor den gesundheitlichen, politischen und finanziellen Folgen von Corona konstruktiv nutzen. Und so könnte die Landwirtschaft weltweit einen wichtigen Beitrag zur Krisenfestigkeit unserer Gesellschaften und Volkswirtschaften leisten.

Martin R. Stuchtey ist Professor für Ressourcenstrategie und -management an der Universität Innsbruck.

Scarlett Benson ist Programm Managerin der Food and Land Use Coalition (FOLU).

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