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Schon seit Jahrzehnten ist es Brauch, an diesen Tagen auf Gedenkveranstaltungen an die Opfer der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki zu erinnern – doch dieses Jahr ist etwas anders. Foto by Philip FONG / AFP.
Schon seit Jahrzehnten ist es Brauch, an diesen Tagen auf Gedenkveranstaltungen an die Opfer der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki zu erinnern – doch dieses Jahr ist etwas anders. © AFP

Die Welt gedenkt der Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki – und lebt erneut mit atomarer Gefahr. Doch es gibt realistische Ziele für eine Deeskalation. Der Gastbeitrag von Daniel Becker.

Am 6. August 1945 wurde die Stadt von Hiroshima durch den ersten Einsatz einer Atombombe vollständig zerstört. 45 000 Einwohner starben noch am gleichen Tag an Verbrennungen, Strahlenkrankheit und unter den Trümmern der zerstörten Gebäude. Mehrere Hunderttausend Menschen wurden durch die Angriffe auf Hiroshima und am 9. August 1945 auf Nagasaki getötet oder verletzt. Viele von den Überlebenden trugen die körperlichen Behinderungen und psychischen Folgen ihr ganzes Leben mit sich.

Schon seit Jahrzehnten ist es Brauch, an diesen Tagen auf Gedenkveranstaltungen an die Opfer der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki zu erinnern. Doch dieses Jahr ist etwas anders als in den vergangenen Jahren: Aufgrund des russischen Angriffs auf die Ukraine und der sich zuspitzenden Spannungen zwischen den Atomwaffenstaaten ist die Gefahr eines Atomwaffeneinsatzes so hoch wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr.

Die russischen Atomwaffendrohungen machen Menschen auf der ganzen Welt verständlicherweise Angst. Eine Umfrage im Auftrag des ARD-Politikmagazins Panorama vom 2. Juni gibt an, dass 52 Prozent der befragten Deutschen einen Verbleib der US-Atomwaffen in Deutschland befürworten. Seit den Neunziger Jahren hatte es stets eine klare Mehrheit für den Abzug der Waffen gegeben.

Ein wachsender Teil der Bevölkerung sieht Atomwaffen also als vermeintlichen Schutz vor einem äußeren Aggressor. Mitte März 2022 beschloss die Bundesregierung den Kauf von 35 F-35 Tarnkappenbombern für den Atomwaffeneinsatz. Diese sollen im Ernstfall die in Deutschland stationierten US-Atombomben ins Ziel tragen.

Daniel Becker ist Arzt in Hamburg und Vorstandsmitglied der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW).
Daniel Becker. © IPPNW

Die Theorie der nuklearen Abschreckung besagt, dass die Drohung mit Atomwaffen einen feindlichen Angriff verhindert. Doch wie zuverlässig ist sie?

Nukleare Abschreckung hat zur Voraussetzung, dass die eigene Seite bereit ist, Atomwaffen einzusetzen und Millionen unschuldiger Menschen zu ermorden. Sie muss die Folgen eines nuklearen Vergeltungsschlages – eine vollständige Zerstörung der eigenen Städte, massive Klimaveränderungen und einen Zusammenbruch unserer menschlichen Zivilisation – in Kauf nehmen. Die zweite Voraussetzung für funktionierende Abschreckung ist, dass die Gegenseite besonnen geostrategische Interessen und Nationalismus gegen Gesundheit und Leben der eigenen Bevölkerung abwägt. Da beides fragwürdig ist, dürfen wir für unsere Sicherheit und eine friedlichere Welt nicht auf Atomwaffen setzen. Eine weitere nukleare Aufrüstung kann unmöglich die gewünschte Sicherheit bieten.

Doch wie können wir das Bedürfnis nach Sicherheit befriedigen? Noch bis zum 26. August 2022 findet in New York die Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrags statt. Es ist die wichtigste UN-Abrüstungskonferenz, bei der sowohl die Nato-Staaten vertreten sind als auch Russland. Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) schätzte in ihrer Rede zu Beginn der Verhandlungen die Chancen für eine erfolgreiche Konferenz als geringer denn je ein.

Dabei gibt es realistische Ziele, die die Bundesregierung in den verbleibenden drei Wochen der Konferenz verfolgen sollte: Sie könnte dafür werben, dass die Atommächte den Ersteinsatz oder gar den Einsatz von Atomwaffen ausschließen, sie kann die Initiative für verifizierbare Abrüstung in Europa ergreifen und sich für vertrauensbildende Maßnahmen zwischen den Atomwaffenstaaten einsetzen. Den Verzicht auf einen Erstschlag mit Atomwaffen zu erklären, ist alles anderes als naiv. Es ist ein realistischer, wirksamer Schritt, um in der aktuellen Situation ein Mindestmaß an Vertrauen wiederherzustellen und die Wahrscheinlichkeit einer nuklearen Eskalation zu verhindern.

Die Kuba-Krise endete mit einem beiderseitigen Abzug besonders bedrohlicher Atomraketen. Auch heute wäre ein Abzug der russischen Atomraketen aus Kaliningrad und im Gegenzug der US-Atomwaffen aus Deutschland und den übrigen Staaten der nuklearen Teilhabe im Sicherheitsinteresse aller Beteiligten.

Vertrauensbildende Maßnahmen wären Transparenz über die jeweiligen Atomwaffenarsenale, gegenseitige Kontrolle wie durch eine Wiedereinsetzung der „Open Skies“-Vereinbarung und die Sicherstellung zuverlässiger Kommunikationskanäle. All dies ist dringend notwendig, um die Gefahr eines Atomkrieges durch Fehlalarme oder Missverständnisse zu verringern.

„Ein Atomkrieg kann nicht gewonnen werden und darf niemals geführt werden“. Das Zitat stammt nicht aus der Friedensbewegung, sondern aus einer gemeinsamen Erklärung der Atomwaffenstaaten USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich vom Januar 2022. Hoffentlich erinnern sich Wladimir Putin und Joe Biden daran.

Daniel Becker ist Arzt in Hamburg und Mitglied im Vorstand der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW).

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