Die einen kloppen Überstunden, die anderen suchen dringend Arbeit.
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Die einen kloppen Überstunden, die anderen suchen dringend Arbeit.

Gastbeitrag

Mut zur Vier-Tage-Woche

  • vonKatja Kipping
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Eine kürzere Arbeitszeit sorgt für bessere Gesundheit, mehr Glück, weniger Stress, höhere Produktivität, faire Verteilung von Arbeit und bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ein Gastbeitrag von Katja Kipping.

Nur noch vier Tage arbeiten – dieser Vorschlag von mir klingt provokativ, geradezu utopisch. Kein Wunder, dass er überall so kontrovers diskutiert wird. Und natürlich ist es gut, einen Vorschlag, der das Potential hat, das Arbeitsleben tiefgreifend zu verändern, ausführlich zu besprechen. Daher möchte ich gerne auf einiges eingehen, was dazu geäußert worden ist.

Die Vier-Tage-Woche kommt nicht von heute auf morgen. Das von mir vorgeschlagene Modell wäre ein Anreiz für Betriebe, einen ersten Schritt zu gehen. Kein Betrieb würde gezwungen, an der Pilotphase mit der staatlichen Förderung der Arbeitszeitverkürzung teilzunehmen. Die Kosten für die Staatskasse würden daher sicher nicht die astronomischen Höhen erreichen, die von einigen ins Feld geführt werden.

Es ist zutiefst unsozial, Menschen zu Armutslöhnen zu beschäftigen und ihnen Überstunden abzuverlangen, während andere dringend Arbeit suchen.

Katja Kipping

Von Kapitalseite gibt es trotzdem gerne Kritik. Das war aber auch schon so, als die Beschäftigten in den 50er und 60er Jahren für die Fünf-Tage-Woche kämpften. Der prophezeite wirtschaftliche Schaden blieb aus. 1994 rettete VW durch die Vier-Tage-Woche 30 000 Arbeitsplätze. Die Vereinbarung blieb über zehn Jahre in Kraft. Es ist also kein Zufall, dieses Thema in der Corona-Krise anzusprechen. In einer Zeit, in der viele Betriebe in Kurzarbeit sind, von Insolvenz bedroht oder Stellenstreichungen ankündigen.

Eine Zeit, in der auch viele Beschäftigte ein ernstes Betreuungsproblem für ihre Kinder haben, weil die Kitas ganz oder teilweise geschlossen sind. Eine Vier-Tage-Woche würde gerade hier und heute die Lage vieler Menschen verbessern. Sie ist aber ein Ansatz, der über die Krise hinausweist, der eine positive Perspektive für die Arbeitswelt der Zukunft eröffnet.

Die Produktivität hat in Deutschland in den letzten Jahrzehnten enorm zugelegt. Es gibt einfach keine Notwendigkeit mehr, dass sich Beschäftigte bis zur Erschöpfung an der Werkbank abrackern. Diese Notwendigkeit wird künstlich erzeugt, von denen, die ein Maximum an Profit aus der Arbeitskraft ihrer Beschäftigten ziehen wollen.

Volkswirtschaftlich ist das aber sehr teuer. Auch die Kosten für die Krankheiten und Unfälle, die zum Beispiel durch Stress und Arbeitsbelastung entstehen, trägt die Gemeinschaft. So hat sich beispielsweise die Zahl der Arbeitsfehltage durch stressbedingte Krankheiten in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht. Die durchschnittliche Dauer von Krankschreibungen wegen stressbedingter Krankheiten ist dreimal so hoch wie die Dauer bei anderen Krankheiten. Diese volkswirtschaftlichen Kosten könnten wir reduzieren. Wenn wir jedoch so weiter wirtschaften wie bisher, kommt eine ganz andere Rechnung auf uns zu.

Dass eine kürzere Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich (zumindest für die niedrigen und mittleren Einkommen) sich auch betriebswirtschaftlich lohnen kann, haben Firmen vorgemacht. So führte der Microsoft-Zweig in Japan die 4-Tage-Woche ein und berichtet, dass die erbrachte Leistung pro Mitarbeiter sich im Versuchszeitraum um knapp 40 Prozent steigerte. Bei solchen Ergebnissen kann niemand pauschal sagen, eine 4-Tage-Woche sei unrealistisch oder unwirtschaftlich.

Es ist zutiefst unsozial, Menschen zu Armutslöhnen zu beschäftigen und ihnen Überstunden abzuverlangen, während andere dringend Arbeit suchen. Die Reduzierung der Arbeitszeit auf 30 Stunden oder 4 Tage ist eine Umverteilung von Arbeit.

Das bedeutet, dass in Bereichen, in denen die Personaldecke viel zu dünn und die Belastung der Beschäftigten viel zu groß ist, mehr Personal eingestellt werden muss. Dass diese Berufe attraktiver gemacht werden müssen, um noch mehr Menschen zu motivieren, hier zu arbeiten. Und dass in Berufen, die skandalös unterbezahlt sind, effektiv höhere Stundenlöhne gezahlt werden müssen. Und das ist auch gut so.

Mit dem Begriff der Vier-Tage-Woche geht es mir nicht darum, Arbeitsverkürzung starr an vier Tage zu binden, auch eine 30-Stunden-Woche wäre denkbar. Die Betreffenden wissen am besten, was für sie geeignet ist.

Entscheidend ist eine neue Kultur, eine neue Selbstverständlichkeit, wonach die Erwerbsarbeit im Leben einer von vier gleichberechtigten Arbeitsbereichen ist. Ebenso wichtig ist die Sorgearbeit, also zum Beispiel Hausarbeit, Kindererziehung und Pflege von Angehörigen; aber auch das gesellschaftliche Engagement, ob in Vereinen, der Nachbarschaft oder der Politik, und viertens die Zeit, die man für sich selbst hat, zur Erholung, zur persönlichen Weiterentwicklung, für Kunst oder Sport. Das alles muss Platz im Leben haben.

Die feministische Marxistin Frigga Haug nennt das „Vier-in-einem-Perspektive“. Das ist ein weit reichendes Ziel, aber eines von der Art, wie man sie ansteuern muss, um zu wissen, dass jede Veränderung, für die wir uns aktuell einsetzen, verbunden ist mit einer weitreichenden Entwicklung der Welt in eine positive Richtung. Bessere Gesundheit, mehr Glück, weniger Stress, weniger Burn-out, höhere Produktivität, faire Verteilung von Arbeit, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind alles gut belegte Folgen einer Reduzierung der Arbeitszeit. Warum sollten wir das nicht anstreben?

Katja Kipping ist Co- Linken-Parteivorsitzende. 

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