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Mit Weiterbildung gegen die Umbrüche

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Von: Enzo Weber

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Nach der Ausbildung sollte es im Rahmen des Berufslebens auch fortgesetzte Qualifizierung geben. Schon deshalb, weil die Lebensarbeitszeit immer länger und berufliche Umstiege damit immer wahrscheinlicher werden.
Nach der Ausbildung sollte es im Rahmen des Berufslebens auch fortgesetzte Qualifizierung geben. Schon deshalb, weil die Lebensarbeitszeit immer länger und berufliche Umstiege damit immer wahrscheinlicher werden. © Christoph Soeder/dpa

Digitalisierung, Klima- und demografischer Wandel setzen der Arbeitswelt zu. Flexibilität ist gefragt – von allen. Der Gastbeitrag.

Abschluss“ – so nennen wir es, wenn jemand die Schule, das Studium oder eine Ausbildung erfolgreich beendet. Warum eigentlich nicht „Anfang“? Wir erleben eine Zeit der Umbrüche im Arbeitsleben. Digitalisierung und ökologische Transformation führen zu einer Verschiebung von Jobs und verändern die Anforderungen an Kompetenzen. Gleichzeitig nimmt die Lebensarbeitsspanne zu. Die Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten wird daher eine zentrale Aufgabe. Wir müssen Bildung entsprechend denken und organisieren.

Weiterbildungspolitik sollte deshalb proaktiv angelegt sein und dazu beitragen, dass sich Beschäftigte kontinuierlich fortbilden. Wenn wir nach der Erstausbildungsphase mit einem verbundenen modularen Kompetenzrahmen direkt Anknüpfungspunkte zu weiteren Entwicklungsschritten bieten, könnte fortgesetzte Qualifizierung als Perspektive von Beginn an etabliert werden und eine durch lange Pausen entstehende Distanz zum Bildungssystem verhindern. Dafür braucht es einen flexibel ausgestalteten Kompetenzrahmen, um die Breite und Diversität von Weiterbildungsangeboten, die sich am Markt entwickeln, zu nutzen. Da es um das Arbeitsleben geht, sollte diese Politik in betrieblicher Verantwortung liegen, und da es um Bildung geht, öffentlich unterstützt werden.

Auch bei der beruflichen Erstausbildung lohnt sich eine variable Perspektive. Die Engpässe in vielen Jobs auf mittlerer Qualifikationsstufe werden immer drängender, nochmals verschärft durch die zusätzlichen Bedarfe in Handwerk und Bau im Zuge der Energiewende. Der Zulauf in die duale Ausbildung nimmt aber seit Jahren ab. Ein niederschwelliger, auch modularer, Einstieg in eine Ausbildung kann es erleichtern, diejenigen zu erreichen, die immer noch ohne Berufsabschluss bleiben. Und für diejenigen, die auch über eine akademische Ausbildung nachdenken oder in der Folge den Weg zum Meister im Blick haben, wären Zusatzmodule etwa in Richtung Digitalisierung attraktiv.

In Zeiten technologischer und wirtschaftlicher Umbrüche sollten Zweitausbildungen ein normaler Teil des Bildungssystems werden, mit entsprechender Absicherung auch für Menschen in der Mitte des Berufslebens. Dabei muss es keineswegs immer um komplette Umstiege gehen, sondern auch darum, im Arbeitsmarkt die effektivsten Wege zu Jobs mit verwandten Kompetenzen zu finden. Beschäftigte aus der Verbrennerproduktion beispielsweise verfügen über grundsätzliche technische Fähigkeiten, die in Handwerk und Industrie mit gezielter Weiterentwicklung auch für die Energiewende sinnvoll eingesetzt werden können. Wechsel erleichtern kann ein Paket aus modularer Qualifizierung, Vermittlung und vorübergehender Entgeltsicherung, zu dem auch die abgebenden Firmen einen Beitrag leisten könnten.

Die Lebenserwartung steigt, und ebenso die Zahl der Jahre bei guter Gesundheit. Zugleich gehen die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge in Rente. Allein über diesen demografischen Effekt wird die Zahl der Menschen im deutschen Arbeitsmarkt bis 2030 um fünf Millionen abnehmen. Wir werden also in Zukunft länger arbeiten. Wir brauchen aber ein Konzept, wie eine längere Lebensarbeitszeit erreichbar und erstrebenswert wird. Dazu gehört, gerade bei belastenden Berufen die Tätigkeitsprofile auszumachen, die für Ältere am besten infrage kommen und ihre Stärken optimal nutzen. Und damit auch, Weiterbildung so zu gestalten, dass Beschäftigte rechtzeitig in diese Richtung entwickelt werden – im Betrieb, oder auch betriebsübergreifend.

Ohne Migration wird das Arbeitskräftepotenzial in Deutschland bis zum Jahr 2030 um rund fünf Millionen Personen schrumpfen. Es kommt also auf Zuwanderung an. Allerdings passen ausländische Bildungsleistungen oft nicht ohne weiteres in den deutschen Qualifikationsrahmen. Das stellt einerseits eine wesentliche Hürde für Migration dar. Deshalb ist es richtig, bei der Zuwanderung auf die Anforderung der formalen Anerkennung zu verzichten. Andererseits macht es auch den bereits Zugewanderten Probleme: Viele von ihnen arbeiten in Deutschland unter den Möglichkeiten ihrer Kompetenzen. Wir sollten daher eine umfassende und proaktive Serviceleistung etablieren, die Kompetenzen feststellt und mit gezielten Qualifizierungsbausteinen ergänzt. Dies sollte berufsbegleitend und gegebenenfalls betriebsnah eingesetzt werden, wie auch das Fördern der deutschen Sprachkenntnisse.

Qualifikation muss vor allem flexibel sein, wenn Dinge in Bewegung kommen – bei den nachgefragten wie den angebotenen Kompetenzen. Beides wird die 2020er Jahre prägen. Ein Qualifikationssystem mit hohen Standards, aber auch hoher Flexibilität, ist die richtige Antwort darauf.

Enzo Weber forscht leitend zu „Prognosen und gesamt-wirtschaftlichen Analysen“ am Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

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