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Mehr Medien und Technik für die Bildung

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Von: Mariya Gabriel

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Digitale Medien im Unterricht sind in Europa mittlerweile weit verbreitet.
Digitale Medien im Unterricht sind in Europa mittlerweile weit verbreitet. © Britta Pedersen/dpa

Die EU trägt mit Education Technology dazu bei, dass Lernen in europäischen Staaten weiter digitalisiert wird. Der Gastbeitrag.

Wir leben in turbulenten Zeiten. Erst Corona, dann ein Krieg vor unserer Haustür – und nun die für Wirtschaft und Gesellschaft folgenschwere Energiekrise. Man mag sich fragen, ob dies der richtige Zeitpunkt ist, über die Zukunft unserer Bildungssysteme nachzudenken. Dazu kann ich nur sagen: Auf jeden Fall. Gerade in Krisenzeiten gedeihen Innovation und Kreativität oft besonders gut und brechen verkrustete Strukturen auf.

In Europa sind Medien und Technik im Unterricht längst nichts mehr Neues. Wir nennen das „Edtech“ (für Education Technology) und meinen damit die Verwendung von Software und Hardware im Unterricht oder beim Lernen: Tablets, interaktive Bildschirme und Programme, Roboter-Bausätze, Online-Inhalte und -Plattformen. Hierzu gehören auch neue Lernmethoden und optimale Initiativen, um Menschen aller Altersgruppen neues Wissen und neue Fähigkeiten zu vermitteln. In Zeiten des technischen Fortschritts ist dieser Bereich nämlich in stetigem Wandel.

Ich kann mit Stolz sagen, dass Europa 2021 zu den weltweit am schnellsten wachsenden Regionen im Edtech-Bereich zählt. In der EU gibt es nun ein Edtech-Unternehmen mit einer Marktbewertung von über einer Milliarden US-Dollar – unser erstes Edtech-Einhorn. Und Mitte 2022 lagen die Gesamtinvestitionen bei über 7,5 Milliarden US-Dollar.

Die Edtech-Branche hat gezeigt, dass solidarisches und werteorientiertes Unternehmertum Europas Markenzeichen ist. Während der Pandemie, von Anfang 2020 an, haben Edtech-Unternehmen ihre Dienste für Lernende, Lehrende und Bildungspersonal kostenlos angeboten. Das Gleiche haben sie für ukrainische Flüchtlinge getan. Die Lernplattform New Ukrainian Hub, auf der Geflüchtete Zugang zu Bildungsressourcen erhalten, wird von der EU kofinanziert und hat meine vollste Unterstützung.

Trotz eines vielversprechenden Starts tut sich die Edtech-Branche schwer mit der Festigung ihrer Position in der digitalen EU-Bildungslandschaft. Unterschiedliche nationale Märkte und Kulturen, Schwierigkeiten beim Expandieren und beim Aufbau von Partnerschaften mit Ministerien, Schulen und Universitäten – das sind nur einige der Hürden, vor denen Edtech-Unternehmen in der EU stehen.

Im Juli 2021 habe ich eine Edtech-Arbeitsgruppe eingesetzt, um den Bedarf der Branche besser zu verstehen. In Gesprächsrunden haben wir uns über Erfahrungen und mögliche Wege für eine weitere Zusammenarbeit ausgetauscht. Das Ergebnis war eine gemeinsame Zukunftsvision, die beim ersten, von mir initiierten Stakeholder-Forum zur digitalen Bildung im März 2022 vorgestellt wurde. Die Forderung nach werteorientierter, innovativer, skalierbarer und leistungsfähiger Edtech als treibende Kraft in der digitalen EU-Bildungslandschaft überzeugt mich.

Und ich denke, die Zeit ist reif, den Worten Taten folgen zu lassen. Zunächst müssen wir unsere Lehrkräfte und Lernenden von der Qualität des Konzepts überzeugen. Pädagogik und Lernbedarf haben hierbei Vorrang vor dem kommerziellen Erfolg. Edtech ist nicht mit mehr Produktivität oder reiner Unterhaltung zu verwechseln. Edtech muss zu besseren Lernprozessen und -ergebnissen führen.

Auch wenn ich fest davon überzeugt bin, dass die Branche Potenzial hat, wird sie es ohne Hilfe nicht schaffen. In unserem Aktionsplan für digitale Bildung fordern wir, dass Initiativen nicht im Alleingang gestartet werden. Vielmehr sind alle Akteure aus dem Bildungsbereich an Bord zu holen.

Deshalb habe ich mit einem Treffen Anfang November eine zweite Gesprächsrunde mit der europäischen Edtech-Branche gestartet. Wir haben uns erstmals mit den Themen Qualitätssicherung und wirksame öffentlich-private Partnerschaften befasst und erörtert, wie wir diese Themen gemeinsam angehen können.

Konkret unterstützen wir die Branche erstmals aus Erasmus+, dem EU-Bildungsprogramm par excellence. Für nächstes Jahr suchen wir innovative Projekte zur faktengestützten Qualitätssicherung für Edtech-Lösungen und für effiziente öffentlich-private Partnerschaften. Damit bieten sich echte Chancen.

Der Europäische Innovationsrat und das Europäische Innovations- und Technologieinstitut bieten über „Horizont Europa“ sogar noch weitere Möglichkeiten. Das sind kleine Schritte auf EU-Ebene. Aber sie zahlen sich aus.

Die europäische Edtech-Branche ist nun gefragt, den digitalen Wandel in der Aus- und Weiterbildung aktiv und verantwortungsvoll zu unterstützen. Ich bin überzeugt, dass ihr kreativer Unternehmergeist unserer Bildung von morgen zu mehr Qualität und Inklusion für alle verhelfen wird.

Mariya Gabriel ist EU-Kommissarin für Forschung, Innovation und Bildung, Kultur und Jugend.

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