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Das Anthropozän stellt die Politik vor völlig neue Herausforderungen.
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Das Anthropozän stellt die Politik vor völlig neue Herausforderungen.

Gastbeitrag

Letzte Chance

  • VonMichael Müller
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Selten zuvor mussten so viele Probleme zugleich gelöst werden. Auch die Ampel-Parteien müssen liefern. Der Gastbeitrag.

Das Anthropozän stellt die Politik vor völlig neue Herausforderungen. Die neue Bundesregierung braucht eine Politik, die zugleich sozial, ökologisch und frei ist. Für diesen Umbau sind alle drei Parteien gefordert.

Koalitionsverhandlungen sind die Ratifizierung klarer Wahlergebnisse oder politische Tarifverhandlungen, bei der die beteiligten Parteien versuchen, möglichst viel für ihre Wählerklientel rauszuholen. Das reicht heute nicht aus. Wir sind in einem jener seltenen Schlüsselmomente, in denen die Pflaster und Flickarbeiten nicht mehr ausreichen, die in „normalen Zeiten“ unsere Gesellschaften zusammenhalten. Es geht um mehr, um sehr viel mehr sogar.

Der europäische Rationalismus, der zur Grundlage der Fortschrittsidee wurde, dem die Menschheit in den letzten zwei Jahrhunderten viel zu verdanken hat, ist an die Grenzen des Wachstums und des technischen Irrtumslernens gekommen. Die Idee des Fortschritts braucht eine neue Grundlage.

Um es mit dem ehemaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt zu sagen: Wir erleben ein „Rendezvous mit dem Schicksal“, weil wir in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Zeuge oder Akteur einer historischen Weichenstellung sind. Klimakrise, Ressourcenverknappung, Land- und Energieraub, wachsendes Prekariat, Desintegration, Migrationsdruck, Schwächung von Demokratie und Nationalstaat: Es gab nicht viele Momente in der Geschichte der Moderne, wo so vieles gleichzeitig in die Brüche ging.

Im neoliberalen Kapitalismus betreffen die Konflikte die gesamte soziale Ordnung und damit auch die Demokratie. Im Anthropozän kann political as usual nicht mehr funktionieren, denn die Menschheit ist in ein neues geologisches Erdzeitalter eingetreten. Entweder werden die ökologischen Grenzen des Wachstums eingehalten, oder es drohen erbitterte Verteilungskämpfe und neue Formen von Ausgrenzung und Gewalt, zumal die Auswirkungen noch längere Zeit höchst ungerecht verteilt sein werden.

Die alten Rezepte taugen nicht mehr. Teilkorrekturen reichen nicht mehr. Wirtschaft und Gesellschaft müssen umgebaut und erneuert werden – und zwar im Einklang mit der Natur und nicht gegen sie. Auch die Klimakrise ist eine Zivilisationskrise, die ihre Ursache in der Einrichtung der Welt und ihrer Herrschaftsverhältnisse hat.

Notwendig ist nicht nur die Radikalisierung einzelner Forderungen, sondern die soziale und ökologische Gestaltung der zweiten großen Transformation im Industriezeitalter, die von der neoliberalen Globalisierung der Märkte und der grenzenlosen Digitalisierung der Welt vorangestrieben wird.

Wenn SPD, Grüne und FDP eine „Fortschrittskoalition“ ankündigen, brauchen sie ein adäquates Deutungsmuster der Herausforderungen und eine Leitidee. Die neue Bundesregierung muss die Gestaltungs- und Verteilungsfrage beantworten, die sich in neuer Schärfe stellen wird.

Der Bundeskongress der Naturfreunde stand unter dem Motto „Leben im Anthropozän – sozial, ökologisch, frei“. Der Ausgangspunkt war das Anthropozän, die Schlüsselfrage für die Zukunft der Menschheit. Die Antwort auf diese Herausforderung muss sozial, ökologisch und frei sein, soll es nicht zur Selbstvernichtung der menschlichen Zivilisation kommen.

Richtig ist, dass Deutschland allein die globalen Probleme nicht lösen kann, auch weil viel zu lange mit dem Umsteuern gewartet wurde. Das wird noch immer mit einem leichtfertigen Framing übertüncht. So ist es angesichts einer Konzentration von 417 ppm CO2 in der Troposphäre gar nicht mehr möglich, das globale 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Schon in diesem Jahrzehnt werden 427 ppm gemessen werden. Ein Wert, von dem wir seit 1979 wissen, dass es damit zu 1,5 Grad kommt.

Menschenzeit oder Anthropozän ist der geowissenschaftliche Rahmen für die Erneuerung der Gesellschaft und die Stärkung der Politik. Sie steht einerseits für die Zuspitzung, dass sich die Menschen von ihrer natürlichen Mitwelt entfernt haben und die ökologischen Ressourcen ohne Rücksicht auf Verluste ausbeuten.

Andererseits aber auch für die Idee, soziale, ökologische und demokratische Ziele zu verbinden. Die soziale und ökologische Emanzipation will die Menschen von den Zwängen und Abhängigkeiten befreien, die verhindern, dass wir die Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig gestalten.

Unser Land kann zeigen, wie die Transformation sozial-ökologisch gestaltet werden kann. Dabei darf die Gesellschaft nicht auseinanderbrechen. Dazu müssen alle drei Parteien beitragen – sozial, ökologisch, frei.

Die SPD muss dafür sorgen, dass der Umbau sozial gerecht erfolgt. Sonst spaltet er die Gesellschaft. Die Grünen müssen die Umwelt- und Klimapolitik zur Gesellschaftspolitik machen, die nicht nur aus der Perspektive der Mittelschichten definiert wird. Die FDP muss die Umsetzung demokratisch und liberal vorantreiben. Das entspricht dem Geist der Freiburger Thesen.

Michael Müller ist Vorsitzender des Umweltverbandes Naturfreunde Deutschlands.

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